Von Dieter Senghaas

William W. Kaufmann: The McNamara Strategy. Harper and Row, New York. 340 Seiten, 4,30 Dollar.

Niemand hat seit 1945 zur Formulierung strategischer Konzeptionen mehr beigetragen als die Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler. Sie sind in den vergangenen zwanzig Jahren von der theoretischen Lösung marktwirtschaftlicher Probleme ausgegangen und haben Modelle und Theorien für eine moderne Rüstungsplanung geschaffen. Mehr und mehr haben sie dabei auf spieltheoretische Ansätze und Simulationsanalysen zurückgegriffen.

Der Grund dafür ist, daß es heute keine Waffen im traditionellen Sinne mehr gibt, sondern nur noch technologische Waffensysteme. Weder die thermo-nukleare Bombe noch die einzelne Rakete, nicht einmal eine Vielzahl von ihnen sind schon ein Waffensystem. Solche Systeme gab es im strengen Sinne des Begriffes bis 1961 nicht. Unter Eisenhower entsprach das vorhandene Waffenpotential zwar dem Stand der jeweils letzten technologischen Entwicklung; die Programmierung künftiger Forschung, des Übergangs von einem Potential zu einem anderen und der strategischen Konzeptionen geschah indessen weithin aufs Geratewohl. Wie sich die einzelnen Projekte und Teilpotentiale in die gesamte Verteidigung einfügten, war bis Ende der fünfziger Jahre offen und umstritten.

Es ist das Verdienst der Kennedy-Administration, vor allem aber des Verteidigungsministers McNamara, dem Wirrwarr der Verteidigungsplanung ein Ende gesetzt zu haben. Professor William Kaufmann – rekonstruiert in dem vorliegenden Buch die ersten drei Jahre der „Regentschaft“ McNamaras im Pentagon. Er selbst gehörte seit der Mitte der fünfziger Jahre zu den schärfsten Kritikern der Strategie der massiven Vergeltung. Seine Sympathien gelten ganz und gar den neuen Männern im Pentagon und ihrem Reformeifer. Etwas von dieser Atmosphäre schlägt sich selbst noch in seinem Stil nieder. Seine Darstellung hat aber dennoch vor allem dokumentarischen Wert. Kaufmann bringt eine Fülle von langen Exzerpten aus Reden, Pressekonferenzen und offiziellen Ausschußberichten des Senats. Der Leser kann sich also an den Quellen mit McNamaras Theorie des Krieges beschäftigen; McNamara spricht für sich selbst.

Zwei Bereiche hat der amerikanische Verteidigungsminister vor allem revolutioniert. Erstens formulierte er eine neue Strategie, und zweitens führte er im Pentagon eine neue Methode der internen administrativen Willensbildung ein. Beide Reformen hängen aufs engste miteinander zusammen und müssen als Reaktion auf die veraltete Kompetenzgliederung und Kostenrechnung, also das frühere Haushaltsgebaren des Ministeriums angesehen werden.

Da waren die leidigen Rivalitäten zwischen den drei Teilen der Streitkräfte, der Armee, Marine und Luftwaffe, die, dem jeweiligen Stand der Rüstungstechnik entsprechend, an Prestige einbüßten oder gewannen. Gleichartige Forschungsprogramme wurden doppelt und dreifach in Angriff genommen. Neunzig Prozent des Haushalts teilten die drei Waffengattungen in autonomer Regie untereinander auf; der Verteidigungsminister hatte nur bei der Verteilung des Restes ein Wörtchen mitzureden. Das Schlimmste aber war, daß es keine zusammenhängende Konzeption gab, die die Ausgaben von Milliarden Dollars für die Verteidigung über die Jahre als sinnvoll erscheinen ließ.