Gewöhnlich erntet man nichts als ein mitleidiges Lächeln, wenn man sich im April mit Skiern gen Süden nach Oberdeutschland begibt. Der Oster-Ski-Urlaub, den man in der Bundesrepublik verbringen will, gehört für viele in das Reich der Phantasie. Aber die Bundesrepublik besitzt einige „Schneelöcher“, die es nur im Wald der noch vorhandenen Winterurlaubsprospekte aufzustöbern gilt.

Balderschwang im Hochallgäu wird in Prospekten und von Kennern das bayerische Sibirien genannt. Ein verschlafenes Dorfchen, kaum länger als sein Kirchturm, mit einer Handvoll Gaststätten, einer Poststelle – die dreimal täglich öffnet –, zwei Tankstellen, einer winzigen Schule hinter den Kreuzen des Kirchhofs – und zwei bis drei Dutzend weit im Tal verstreuten Höfen. Durch keinen Bahnhof, kein Kino, keine Apotheke unnötig vergrößert – duckt sich der Ort unter einem selten launischen Aprilblau in der sengenden Gebirgssonne.

Ein gelber Postbus, etwas wacklig schon, stellt die einzige Verbindung mit der Außenwelt – mit Oberstdorf – her, für Nichtautomobilisten. Wer ein Auto hat, dem steht seit drei Jahren eine von Schneewänden flankierte Paßstraße hinunter ins Illertal offen, gegen eine Mautgebühr – Privatleute haben seinerzeit die bayerische Exklave mit dem Mutterland verbunden. Früher nahmen Einheimische und Gäste die Fahrstraße durch den österreichischen Bregenzerwald nach Hittisau, Oberstaufen, Immenstadt. Kein Wunder, daß der Ort – Pendant zum Kleinen Walsertal – praktisch eine Art Sommeralm der österreichischen Umgebung war. Noch heute bilden die austrischen Talbewohner einen stattlichen Anteil des Dorfvölkchens...

Balderschwang hat seine Superlative: die Zufahrtsstraße ist die höchste Alpenstraße, das Kirchdorf die „höchste Fremdenverkehrsgemeinde“ Bayerns – genau 1044 Meter hoch. Es gibt drei Lifts, auch Skilehrer und Steigfelle zum Ausleihen – und oben zwischen Tannen einige bewirtschaftete Hütten und Almen. Und vor allem: ein prächtiges Panorama von allen Hängen rings um den Ort: Fern im Westen leuchten über den Randbergen des Bodensees die gleißenden Wände von Altmann und Säntis herüber, östlich und südlich reiht sich die imposante Kette der Allgäuer, Walsertaler und Vorarlberger Felsgiganten.

Kurz vor dem österreichischen Schlagbaim hat sich jüngst ein komfortables Bungalowhotel aufgetan – im übrigen regiert freundlich-bäuerliches Milieu: Frischgeschindelte Fassaden, geschnitzte Balkongitter, ölgestrichene Fensterläden. Die Bretterstapel eines Sägewerks duften. Jetzt, am Ende der Wintersaison, ist der Hauptbetrieb vorbei, aber der Schnee reicht noch, und die Bewunderer der Natur sind ungestört und genießen die Ruhe. Per Teleobjektiv filmen sie Gemsrudel, entdecken an abgetauten Flecken der Südhänge die Schönheit wilder Alpenkrokusse und früher Enziane, suchen – mehr oder minder, erfolgreich – an den Oberläufen der Bäche nach Bergkristallen und ansehnlichen Quarzstücken. Mit Ferngläsern und aus nächster Nähe lassen sich Rotwildrudel mit königlichen Hirschen bewundern, wenn sie des Abends in langer Karawane herabsteigen zu den Futterstellen.

Man kann natürlich auch ganz einfach hinter Schneewällen im Liegestuhl faulenzen – und dem Rauch der Holzfällerfeuer in den Hängen nachsehen. Nur eine Sorge kennt der Aprilurlauber hier: daß der Schnee, der teure, einigermaßen „g’führig“ bleibt... Bernd G. Schwartz