Unser Kritiker sah:

NACH DEM SÜNDENFALL

Schauspiel von Arthur Miller

Schillertheater in Berlin

Dieses Stück ist viel besser als sein Ruf. Nach den ersten Inszenierungen war immer wieder zu lesen, es sei „geschmacklos“, weil Miller seine Ehe mit Marilyn Monroe auf die Bühne gebracht habe. Geschmacksurteile lassen sich nicht widerlegen. Warum aber handeln die Theater gegen den Autor, indem sie die Maggie mit einem Monroe-Typ besetzen? Auch das Berliner Schillertheater entschied sich für einen Monroe-Typ: in Gestalt von Gisela Dreyer aus Basel. Miller versichert, daß, ebenso wie die anderen Personen, auch Maggie nicht dem Leben „nacherzählt“, sondern „entworfen“ sei. Ein dramaturgischer Mangel, dem man in der Aufführung entgegenwirken sollte, anstatt ihn zu unterstreichen, mag in der Ausdehnung der Maggie-Szenen über die Hälfte des Stücks bestehen. Außerdem verlaufen diese Szenen großenteils in realistischer Rede und Gegenrede, so daß sie ohnedies dazu neigen, aus dem surrealistischen Gesamtrahmen herauszufallen.

Als Ganzes jedoch gehört „Nach dem Sündenfall“ zu den bedeutendsten Denkspielen unserer Zeit. Miller greift bis auf den Verlust der Unschuld im Paradies zurück, um die Dämonie von Macht, Gewalt und Zerstörungssucht in der menschlichen Natur selber aufzudecken. Wie Goethe und Ibsen benutzt Miller in seinem „Gerichtstag über das eigene Ich“ autobiographisches Material. Das ist literarisch legitim. Die Liebesbeziehungen während dreier Ehen, Erfahrungen mit einem politischen Untersuchungsausschuß, das Wissen von deutschen Konzentrationslagern – dieser scheinbar heterogene Stoff wird dramatisiert für eine Bühne, die das menschliche Bewußtsein ist. Der Prozeß, in dem sich Quentin keinen Augenblick schont, zeigt einen Jedermann, „angeklagt von seinem eigenen Gewissen, seinen eigenen Prinzipien, seinen eigenen Handlungen“. Das surrealistische Auftauchen von Personen, Erinnerungen, Geschehnissen im Gespräch mit einem imaginären Zuhörer beruht auf der Technik des freien Einfalls, ist also wahrhaft psychoanalytische Dramaturgie, nicht nur Gerede über „Komplexe“.

Der Regisseur der Berliner Inszenierung, Hansjörg Utzerath (Düsseldorfer Kammerspiele), setzte sich glücklicherweise über Millers Vorschlag einer Lavalandschaft hinweg. H. W. Lenneweit baute einen tiefen Kasten. Auf einer Schräge werden die Stationen des Simultanspiels ebenso wie die direkten Gespräche von gliedernden Scheinwerfern aufgeblendet. Für das Konzentrationslager wird die Bühne grau und mit eisernen Türmen sowie mit Verliestüren gekennzeichnet.