Von Joachim Kaiser

Es ist auffallend, daß Wilhelm Kempff, jener deutsche Pianist, den heute viele für einen der bemerkenswertesten Interpreten unserer Zeit halten, gerade nicht an Tiefsinn, „Weihe“ und Abgründigkeit (wie man es doch vom typisch germanischen Musiker erwarten möchte) die klavierspielende Weltelite zu übertreffen scheint, sondern eher an Individualität, einer oft bis ins Kokette reichenden Phrasierungsintelligenz und an sensiblem Charme.

Wenn man nachliest, was die englisch sprechenden Musikkritiker von einem deutschen Pianisten im allgemeinen erwarten und wovor sie sich fürchten, dann stößt man auf die Angst vor trocken-akademischer, grüblerischer Ernsthaftigkeit und auf die Erwartung bedeutungsvoller Seriosität.

Und Wilhelm Kempff? Mag er es auch gelassen oder geschmeichelt hinnehmen, daß manche seiner Freunde und Bewunderer ihn zum „Seher“ stilisieren (übrigens nicht nur hierzulande, die französische Kempff-Bewunderung ist keineswegs minder stark): Sein Spiel enthält keine Spur billigen oder hochherzigen titanischen Donnerns. Wo es „typisch“ und verbindlich ist, dient es gerade nicht der blinden Bestätigung längst akzeptierter Kulturgüter. Denn nicht, was in Autobiographien steht oder von atem- oder kategorienlosen Bewunderern gestammelt wird, zählt, sondern einzig die pianistische Entfaltung, der unwillkürliche Ausdruck. In Kempffs Anschlag vereinen sich Grazie, Durchsichtigkeit, Ironie und Selbstbewußtsein.

Daß er vor fünfundzwanzig Jahren sagte: Und wenn die Nazis noch so viele Hakenkreuze vor die Waldstein-Sonate malen, sie können sie doch nicht spielen – man hört es fast. Aber man hört noch mehr. Wilhelm Kempff, so steht in jedem biographischen Abriß zu lesen, stammt aus einem musikalischen preußischen Elternhaus. Der Großvater schon war Organist, der Vater gleichfalls, und als der zehnjährige Enkel in kurzen Hosen bei einer Aufnahmeprüfung Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers nicht nur zu spielen, sondern auch in beliebige Tonarten zu transponieren wußte, da war des Staunens kein Ende.

Muß man fragen, ob eine solche Wunderkindgeschichte ganz und gar wahr gewesen ist? Es genügt, daß sie durchaus hätte wahr sein können, denn Geistigkeit, Überlegenheit und Übermut, wie sie sich bei Spätlingen manchmal herausbilden, gehören durchaus zu diesem Pianisten.

Nun sei aber nicht verschwiegen, daß bei Kempff, der über die Jahrzehnte hin zu den beliebtesten Künstlern zumindest Europas gehörte, aus der Tugend fast eine Not wurde: die Sorge ums Persönliche und Eigene (die Angst vor allen motorischen Versuchungen) droht nur zu leicht umzuschlagen in manuelle Unzuverlässigkeit. Es ist durchaus zu verstehen, daß ein Künstler auch vom pianistischen Rang Kempffs einen solchen Umschlag in Kauf nimmt. Doch wenn er dann beispielsweise die beiden Klavierkonzerte von Liszt interpretiert, wird klar, was für eine Kluft zwischen seinem Klavierspiel und dem technischen Standard der Weltelite besteht.