Der ehemalige Generaloberst Guderian ist nach Aussagen aller Fachleute der Vater der modernen Panzerwaffe und zweifellos ein großer "Könner" gewesen. Im Gegensatz dazu war sein charakterliches Verhalten aber ganz gewiß nicht vorbildlich. Deswegen ist dies ein Fall, wo die Führung der Bundeswehr sich nicht um die Entscheidung drücken kann, welchen Eigenschaften sie den Vorrang geben will. Stellt sie Guderian als Vorbild heraus, dann bedeutet dies, daß sie auf menschliches Verhalten offenbar kein großes Gewicht legt, obgleich in den Beurteilungsformularen der Bundeswehr als erstes der Charakter des Soldaten und dann erst sein dienstliches Können bewertet wird.

Niemand darf es Guderian verübeln, daß er sich nicht am 20. Juli beteiligte – das war eine nicht zu normierende Gewissensentscheidung. Diejenigen aber, die es heute so darstellen, als habe er einen besseren Weg zur Entmachtung Hitlers gewußt, sollten einmal in den Kaltenbrunner-Berichten nachlesen. (Spiegelbild einer Verschwörung) Da steht: "August 1943, schon auf der Fahrt nach dem Osten, erfuhr Stieff über General Thomale, daß Guderian eindeutig Abstand nahm, weil ‚dadurch eine gegen den Führer gerichtete Handlung gefordert werden könnte‘ ". Doch damit ist es noch nicht genug.

Guderian gehörte jenem Ehrenhof an, der von Hitler beauftragt worden war, die am 20. Juli beteiligten Offiziere – unter denen sich ein Feldmarschall und zehn Generale befanden – aus der Wehrmacht auszustoßen und sie dadurch der Wehrmachtgerichtsbarkeit zu entziehen, um sie dem Henker Freisler auszuliefern. Ohne daß auch nur einer der 55 beschuldigten Offiziere vorgeführt worden wäre und Gelegenheit zur Verteidigung erhielt, hat der "Ehrenhof" sie allesamt innerhalb weniger Minuten aus der Wehrmacht ausgestoßen oder entlassen. Zu den Ausgestoßenen, dem Galgen Überlieferten gehörten auch vier Offiziere, nach denen Kasernen in der Bundesrepublik benannt worden sind: Oberst Graf Stauffenberg, General Henning von Tresckow, General Fellgiebel, Oberst Finkh. Es wäre wirklich ein Hohn, wenn neben diesen Namen auch der des "Ehrenhof"-Mitglieds Guderian erschiene.

Am 29. Juli 1944 schließlich gab Guderian an die Generalstabsoffiziere des Heeres einen Befehl heraus, in dem er forderte, daß jeder Offizier des Generalstabs ein "nationalsozialistischer Führungsoffizier" sein müsse.

Anläßlich der Einweihung einer Gedenktafel in Goslar hat Generalmajor a. D. Thomale eine Rede gehalten, in der er Guderian als "Vorbild besten und verantwortungsbewußten Deutschtums" hingestellt hat. Im Hinblick auf den 20. Juli sagte er, Guderian habe eine Beteiligung am Widerstand mit "seinem klaren Blick für das Mögliche" abgelehnt. Bei der Beurteilung der Gesamtlage scheint Guderian allerdings dieser klare Blick für das Mögliche gefehlt zu haben.

H. G. von Studnitz schildert in seinem Buch Als Berlin brannte, wie Guderian am 7. März 1945 zusammen mit dem Reichspressechef Dietrich im Propagandaministerium zu einer Pressekonferenz vor der in- und ausländischen Presse erschien: "Der Generaloberst zitierte dann einen Armeebefehl des Sowjetmarschalls Schukow, in dem es heißt: Jetzt gilt es, dem faschistischen Tier in seiner eigenen Höhle den Garaus zu machen.‘ Am Schluß seiner Ausführungen erklärte Guderian: ‚Ich habe selbst in der Sowjetunion gekämpft, aber nie etwas von Teufelsöfen, Gaskammern und ähnlichen Erzeugnissen einer kranken Phantasie bemerkt. Die Absicht ist unverkennbar, mit solchen offenbaren Lügen die Haßgefühle der primitiven Sowjetsoldaten aufzustacheln.‘ "

In seinem Tagebuch kommentierte Studnitz damals: "Der Eindruck dieser Ausführungen war kein guter. Die Welt kennt jetzt Photographien, Filme und Augenzeugenberichte über das Todeslager von Maidanek, das Todeslager Auschwitz und ähnliche Institutionen in den besetzt gewesenen Gebieten. Das deutsche Volk weiß von diesen Dingen allerdings nichts. Immerhin sollte man annehmen, daß Guderian über sie unterrichtet ist. Um so eigenartiger berührt es, daß er die Angelegenheit in dieser Form aufgreift. Auch fragt man sich, wie es möglich ist, daß der Chef des Generalstabes in einem militärisch so ernsten Augenblick Zeit findet, an einer Propagandaveranstaltung teilzunehmen." Soweit Studnitz im März 1945.