L. F., Stuttgart

Die Bundesbahn will auf allen Bahnhöfen, mit Ausnahme jener, wo es aus Sicherheitsgründen nicht angebracht ist, die Bahnsteigsperren aufheben. Eine entsprechende Anweisung des Bundesbahn-Vorstandes haben die einzelnen Direktionen bereits erhalten. Sprecher der Bundesbahn betonen jedoch, daß die Bahnsteigsperren keineswegs aus Rationalisierungsgründen aufgehoben werden. Personal werde dadurch kaum eingespart, denn die meisten der etwa 5000 Sperrebeamten seien kriegsbeschädigt oder körperbehindert. Sie könnten weder im Fahrdienst eingesetzt noch entlassen werden. „Wir wollen nur unseren Fahrgästen entgegenkommen“, heißt es, „und vor allem in den Hauptzeiten des Berufsverkehrs die Stauungen an den Sperren vermeiden.“ Die Bahn verspricht sich davon einen Werbeeffekt.

Wie die meisten Werbemaßnahmen hat freilich auch diese einen Haken. Und wie fast immer liegt es am Geld: Ehe die Sperren ganz abgeschafft werden, soll das Bundesverkehrsministerium einen Antrag der Bahn genehmigen, der den Zugschaffnern das Recht gibt, von Schwarzfahrern Fahrpreiszuschläge bis zu 20 Mark zu kassieren. Ohne diese „Risikoschwelle“, so fürchtet die Bahn, würden es allzu viele Reisende „vergessen“, sich eine Fahrkarte zu lösen.

Die Bundesbahn wird schon seit Jahren bestürmt, die Bahnsteigsperren abzuschaffen. Sie wehrt sich stets dagegen mit dem Argument, daß dann die Schwarzfahrerei überhand nähme. Das hat ihr heftige Vorwürfe eingetragen. In anderen Ländern, wie der Schweiz, kämen die Eisenbahnen ja auch ohne Sperren aus, wandten die Kritiker ein. Ob die Bundesbahn wohl behaupten wolle, die Deutschen seien weniger ehrlich als etwa die Schweizer?

Trotz allen Mißtrauens sollen die Bahnsteigsperren nun doch abgeschafft werden. Die millionenköpfige Bahnkundschaft sieht sich als Sieger des jahrelangen Disputs und betrachtet die Strafgebührforderung als taktisches Rückzugsgefecht. Aber auch die Bundesbahn macht jetzt, da es ernst wird, die öffentliche Probe auf das bislang nur intern errechnete Verlustexempel. Im Stuttgarter Hauptbahnhof sind seit sechs Monaten die Bahnsteigausgänge unbesetzt. Das Ergebnis gereicht den Eisenbahnkunden wahrlich nicht zur Ehre. Stichproben beweisen, daß die Ehrlichkeit vieler Fahrgäste „auf der Strecke blieb“.

Der Stuttgarter Bundesbahnrat Lampe-Helbig, der für das Experiment verantwortlich ist, hat seit dem Verzicht auf die Ausgangssperren seine letzten Illusionen über die Reisenden eingebüßt: „Die bemogeln uns nach Strich und Faden.“ Wie hoch der Anteil der Mogler ist, läßt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Doch die Schlangen am Nachlöseschalter, die sich jedesmal bilden, wenn die Sperren probeweise überraschend besetzt sind, sprechen für sich. Im Vergleich zum normalen Prozentsatz klettert dann die Zahl der Nachlöser prompt um das Fünf-, oft sogar um das Zehnfache.

Die überwältigende Mehrheit der „Sparer“ sind Reisende im Nah- und Berufsverkehr. Sie lösen ihre Karte nur für eine kurze Strecke und fahren dann weiter. Oder sie setzen sich gleich mit einer Bahnsteigkarte in den Zug. Die Gefahr, unterwegs vom Schaffner erwischt zu werden, ist gering. Die Züge im Berufsverkehr sind dicht besetzt. Wer es darauf anlegt, kann sich leicht im Gedränge verbergen.

Diesen Kurzschwarzfahrern will die Bahn nun das Handwerk legen. Wenn ihnen der Schaffner sofort 20 Mark abknöpfen darf, werden es sich die meisten wohl überlegen, ob der „Sport“ der täglich ermogelten zwei oder drei Mark das hohe Risiko lohnt. Die Straßenbahnen einiger Städte haben solche Bußen schon längst eingeführt und damit die Fahrscheinschwindelei fast völlig ausgeschaltet. Doch die Bahn braucht dazu die Erlaubnis des Bundestages, und dieser hat sie aus juristischen Bedenken bisher nicht erteilt. Die Ausgangssperren aber sollen in absehbarer Zeit auf allen Bahnhöfen aufgehoben werden. Die. Bundesbahn sieht diesem Zeitpunkt mit gemischten Gefühlen entgegen. Bundesbahnrat Lampe-Helbig, der den Versuch in Stutgart leitet, meint dazu resignierend: „Wir machen die Sperren auf und dafür die Augen zu.“