Von Hans-Dieter Schulz

Peinliches Schweigen herrschte für kurze Zeit auf einer Pressekonferenz während der diesjährigen Leipziger Frühjahrsmesse. Voller Stolz hatte Generaldirektor Klopfer westlichen Journalisten erzählt, es gehöre zu den Vorteilen des Sozialismus, daß Forschungsergebnisse einem Volkseigenen Betrieb nichts kosten, weil sie. Vom Staat finanziert werden. Minister Gerhard Schürer von der Staatlichen Plankommission sah sich zu der Berichtigung genötigt, daß es jetzt gerade darum gehe, die Kosten dort zu bezahlen, wo sie entstehen.

Dieser an sich belanglose Vorfall ist ein Beispiel dafür, was die Wirtschaftsreformer in Ostberlin mit ihrem im Sommer 1963 verkündeten „Neuen ökonomischen System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“(„Nöspl“) erreichen wollen, und zeigt, wie schwer sie es noch haben. Die weitverbreitete falsche Einstellung zu wirtschaftlichen Fragen wird auf Stalins Theorien zurückgeführt. In der Praxis wirkten sich diese Theorien unter anderem so aus, daß für einige Warengruppen, wie Bagger- und Förderanlagen, der Preis nach Gewicht gebildet wurde. Daher waren die Werkleiter daran interessiert, wie Finanzminister Willy Rumpf 1962 der Volkskammer berichtete, „statt moderner leistungsfähiger Maschinen, mit geringem Materialeinsatz Aggregate mit hohem Gewicht zu produzieren, um Produktions- und Finanzpläne zu erfüllen“. (Ulbricht: „Das ist doch einfach die Prämiierung der Rückständigkeit.“)

Wie sich das in der Praxis der DDR auswirkte, schilderte Professor Kalweit, Leiter des Lehrstuhles Politische Ökonomie“ des Instituts für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee. Nach der „Planmethodik 1963“ habe das Berliner Bremsenwerk bei einem Produktionsprogramm von etwa 500 Geräten mehr als 2000 Positionen planen und nicht weniger als 18 100 Formblätter ausfüllen müssen... In welchem Umfang der Unsinn zur Methode wurde, beschrieb die Ostberliner „Berliner Zeitung“ im Juli 1962. Betriebe mußten Geldstrafen zahlen, weil zuwenig Arbeiter krank waren.

Das Geheimnis dieser Planakrobatik: Da die Sozialversicherung für Kranke 50 Prozent des Lohnes zahlt, wurde die vorgeschriebene Lohnsumme planwidrig überschritten, wenn sich weniger Arbeitnehmer als geplant krank meldeten.

Wie stark die Eigeninitiative der volkseigenen Direktoren beschnitten wurde, erläuterte 1963 die SED-Zeitschrift Neuer Weg“ am Beispiel der Farbenfabrik Wolfen. Der Werkleiter sei zwar für die Produktion von einer halben Milliarde Mark verantwortlich, dürfe aber über Investitionen von 50 000 Mark nicht selbständig entscheiden. In dieser Atmosphäre strebten die Werkleiter, wie Ulbricht im Januar 1964 in der „Prawda“ schrieb, „häufig einen niedrigen Plan an, der leicht übererfüllt werden konnte und deshalb nach dem bisherigen Verfahren hohe Prämien sicherte“.

Angesichts der Unmöglichkeit, die Ziele des im Herbst 1959 verkündeten Siebenjahresplanes auch nur annähernd erreichen zu können, fällte die Regierung in Ostberlin das Urteil: „Die Schwächen des bisherigen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft führten zu einem fehlerhaften Kreislauf.“ Ulbricht formulierte es sehr viel drastischer: „Wir müssen Schluß maachen mit der Unzahl von Fällen der Vergeudung, der Schlamperei und der Nichtausnutzung unserer Möglichkeiten.“ Deshalb wurde „Nöspl“ geboren.