Von Uwe Nettelbeck

Erst kam das „Schweigen“, und ein großer Wind erhob sich um wenig. Dann kam „491“, und alle, die die Bergmansche Coitusszene hingenommen hatten, weil ihr rechtzeitig und auch von katholischer Seite ein „religiöses Anliegen“ attestiert worden war, schlugen Alarm und wollten Rache nehmen: Ein Exempel sollte statuiert, die Ausbreitung der „Sexwelle“ im zweiten Keim erstickt werden.

Es zeigte sich, daß die Freigabe des „Schweigens“ als ein Zufall, einer vorübergehenden Verwirrung zu danken, interpretiert werden mußte und nicht etwa als Zeichen dafür genommen werden durfte, daß liberale und großzügige Zeiten sich ankündigen.

Sjömans „491“ war noch in keinem deutschen Kino gelaufen, da rief man schon nach der Zensur; die deutschen Züchter deutscher Schäferhunde erhoben sich; die „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) schnitt und schnitt und bekam doch keinen Beifall. Daß sie „491“ überhaupt freigegeben habe, machte man ihr zum Vorwurf, noch das Fragment sei eine Zumutung.

In Süddeutschland wurde die „Aktion Saubere Leinwand“ gegründet, der Ruf nach einer verschärften Filmzensur wurde immer lauter und schließlich unüberhörbar. Zeitungen druckten empörte Leserbriefe oder stimmten selber ein in den Chor der Eiferer, die „Aktion“ wurde zum Gegenstand von Podiumsdiskussionen. Und der CDU-Abgeordnete Süsterhenn (einer der Wortführer für die Wiedereinführung der Todesstrafe) bekannte sich bei einer CDU-Versammlung in Bad Kreuznach zur „Aktion“ und kündigte an, er werde gemeinsam mit Fraktionsfreunden einen Antrag auf Änderung des Grundgesetzes einbringen; die in Artikel 5 Absatz 3 garantierte Freiheit der Kunst müsse durch „eine ausdrückliche Bindung an das Sittengesetz“ begrenzt werden.

Die FSK hat sich unterdessen zu einem Schritt gegen die „Aktion“ entschlossen und ein Plakat herausgebracht, das gute Worte macht: Es gebe in der Bundesrepublik keine Zensur, und das solle so bleiben. Die Zensoren haben es also übernommen, für die Freiheit der Kunst zu fechten. Die FSK ist von zwei Seiten unter Beschuß: Die einen fanden (und finden) oft Grund, ihr die Ausübung einer politischen oder moralischen Zensur vorzuwerfen; den anderen sind die Wiesbadener Scherenmänner nicht linientreu und streng genug.

Damit droht die Debatte über die Notwendigkeit und die notwendigen Grenzen einer Filmzensur und über Sinn und Funktion der FSK ein groteskes und unerwartetes Ende zu nehmen: Nicht mehr die Schnitte, die sie verfügt, werden gerügt, sondern die, die sie unterläßt. Wenn es aber erst einmal so weit ist, daß die FSK von ihren bisherigen Kritikern verteidigt werden muß, damit Schlimmeres verhütet werde, dann sieht es bös’ aus um die Freiheit des Films hierzulande; selbst eine so zweifelhafte Institution wie der eine Geheimzensur ausübende „Interministerielle Ausschuß“ wird dann Harmlosigkeit für sich ins Feld führen können.