Von Hans Gresmann

Türken und den Sowjets anlangt, so hat Ismet Inönü, der von allen geachtete, aber keineswegs von allen geliebte große alte Mann der Türkei, diese Politik schon im vorigen Jahr eingeleitet. Eine Delegation des Obersten Sowjets unter Führung von Nikolai Podgorny, Nummer drei in der Kreml-Hierarchie, kam nach Ankara und bereiste das Land. Und schon zuvor war der türkische Außenminister Erkin nach Moskau gefahren. Das waren, denkt man an die Feindschaft von einst, wirklich erstaunliche Ereignisse.

Der 81jährige Inönü, der im Frühjahr gestürzt wurde und seitdem Oppositionschef ist, erklärt seine politischen Absichten heute so: "Bisher hat es in der Weltmeinung die Vorstellung gegeben, daß alle Länder in irgendeiner Weise einen Modus vivendi mit Rußland finden können – nur die Türkei nicht. Mir ging es darum, diese Meinung auszurotten!"

Wenn aber von dem neuerdings besseren Verhältnis zwischen Ankara und Moskau die Rede ist, dann muß natürlich sogleich ein Stichwort fallen: Zypern. Die NATO-Verbündeten haben dem griechisch-türkischen Konflikt um die Insel im östlichen Mittelmeer lange Zeit viel zu geringe Bedeutung beigemessen. Die Folge war, daß sich Verdruß über die NATO in Athen nicht anders als in Ankara breitmachte.

Moskau hat von vornherein versucht, die Zypern-Krise für seine eigenen Interessen auszunutzen. Zunächst setzte es auf die Karte Makarios und Griechenland. Aber dann gab es einen unerwarteten Kurswechsel. Etwa zu der gleichen Zeit, da Ankara das MLF-Projekt offiziell begrub (was nicht sehr viel bedeutete, denn es war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon eine Weile tot), sprach Außenminister Gromyko von der Möglichkeit einer Föderation der "zwei nationalen Gemeinschaften" auf Zypern. Das war zwar keine verbindliche Festlegung, aber immerhin eine Erklärung, die dem offiziellen türkischen Standpunkt sehr nahe kommt. Ankara will die Souveränität des Staatsgebildes Zypern rückgängig machen und in direkten griechisch-türkischen Verhandlungen eine neue Konföderations-Struktur für die Insel ausarbeiten, in der beiden Volksgruppen festumrissene Rechte und Territorien zugesprochen werden.

Kein Zweifel also: Die jüngsten sowjetischtürkischen Annäherungsversuche sind mit dem Zypern-Problem eng verflochten. Was aber die Kausalität betrifft, so ist die Äußerung eines engen Mitarbeiters von Inönü recht interessant: "Einen Ausgleich mit der UdSSR haben wir schon lange angestrebt, aber Moskaus pro-türkische Haltung in der Zypern-Frage hat es uns erleichtert, diese neue Politik der Öffentlichkeit gegenüber verständlich zu machen." Das mag in gewisser Weise zutreffen. Auf der anderen Seite stimmt sicher auch, daß das türkische Bestreben, mit Moskau ins reine zu kommen, durch das amerikanische Verhalten während der Zypern-Krise mindestens sehr gefördert wurde.

Als die zyprischen Türken – die gegenüber den Griechen auf der Insel eins zu fünf unterlegen sind – terrorisiert wurden und in große Bedrängnis gerieten, war die Regierung in Ankara fest entschlossen, Truppen auf der von der türkischen Südküste nur 60 Kilometer entfernten Insel zu landen. Da schickte Johnson einen Brief an Inönü. Die Invasion unterblieb – aber ein Gefühl ohnmächtigen Zorns lief durch das ganze Land. "Die Amerikaner haben uns verlassen." Nur ein kleiner Kreis von Personen weiß genau, was in diesem Brief gestanden hat. Aber es heißt, Johnson habe Ankara zu verstehen gegeben, daß bei sowjetischen Repressalien auf eine türkische Zypern-Invasion kein NATO-Fall gegeben sei, Amerika also die türkischen Truppen nicht stützen könne.