In der Wirtschafts- und Entwicklungspolitik freilich gibt es sehr beträchtliche Differenzen. Die Wirtschaftslage der Türkei ist alles andere als rosig. Die Außenhandelsbilanz weist noch immer ein Defizit von rund eineinhalb Milliarden Mark auf. Die Erfolge des Fünf-Jahres-Plans bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Entwicklung im Land geht nicht so schnell voran, wie man es sich gewünscht hätte.

Noch gibt es zu viele Analphabeten (60 Prozent) und zu wenig Lehrer und Ärzte. Noch ist die Arbeitslosigkeit groß und ebenso die Wohnungslosigkeit. Noch müssen von zehn Türken sieben in ihrem Haus auf die Zivilisationshilfe Elektrizität verzichten. Noch erscheint der Geburtenüberschuß als eine beklemmende Drohung – heute gibt es dreißig Millionen Türken, und jedes Jahr kommt eine Million hinzu. Die wohlhabenden Länder des NATO-Verbandes, die immer darauf bedacht waren, daß die Türken genügend Waffen haben, zeigten sich bei der Wirtschaftshilfe sehr viel zurückhaltender.

Im Unterschied zu der etatistischen Volkspartei, die als Rezept immer wieder Steuerreform, Landreform und Verwaltungsreform durchzusetzen versuchte (alles drei ganz offenbar dringende Notwendigkeiten in der Türkei), tritt die Gerechtigkeitspartei ganz einfach, für eine Wirtschaftsliberalisierung ein.

Auf jeden Fall aber weiß die regierende Koalition, daß sie bis zu den Wahlen kaum noch erkennbare Ergebnisse im Wirtschaftlichen erzielen kann. Demonstrative Erfolge sind nur durch eine auftrumpfende Politik denkbar. Und da nun zudem die Gerechtigkeitspartei als eine "Menderes-Bewegung ohne Menderes" von den Militärs besonders skeptisch betrachtet wird, kann sie es sich nicht leisten, in den Fragen der nationalen Politik als "schwach" zu erscheinen. Schon gegen den von der Ruhmesgloriole umkränzten alten Marschall Inönü war zuweilen der Vorwurf erhoben worden, er vertrete die türkischen Interessen nicht mit der nötigen Härte. Er konnte diesen Vorwurf ertragen; seine Nachfolger können es nicht.

Daher ist es denn vielleicht erklärlich, daß die Regierung in Ankara, wohl um die Öffentlichkeit zu beeindrucken, in diesen Tagen beschlossen hat, die letzten Griechen orthodoxen Glaubens in Istanbul sowie die griechisch-orthodoxen Geistlichen auszuweisen und überdies die Tätigkeit des Patriarchats in Istanbul zu "überprüfen".

Es wäre zu wünschen, daß Ankara diesen Entschluß zur Ausweisung und "Überprüfung" noch einmal überprüfte. Denn so schlimm der bittere Streit zwischen Griechenland und der Türkei schon ist, so sehr die Enttäuschung vor allem über die USA sich in den türkischen Nationalstolz hineingefressen hat, so unbestreitbar bleibt die Türkei doch politisch, militärisch und wirtschaftlich (dies vor allem nach der jüngsten Assoziierung an die EWG) ein festes Mitglied der westlichen Gemeinschaft. Daran wird die Tatsache, daß Ankara sein Verhältnis zu Moskau in Ordnung bringen will, nicht das geringste ändern. Aber schlimm wäre es, wenn aus. den politischen Mißhelligkeiten ein Konflikt der Religionen würde. Atatürk hat die politische Macht des Islam rigoros beschnitten, erstens um die Säkularisierung und damit die Modernisierung vorantreiben zu können, und zweitens, um den Anschluß an den Westen zu ermöglichen. Wollte die gegenwärtige Regierung in Ankara das Rad der Geschichte zurückdrehen, nur um die öffentliche Meinung zu besänftigen, so könnte das verhängnisvoll sein.

Schon heute gibt es in der Türkei die Vorstellung, daß in der Zypernfrage so etwas wie eine Verschwörung der christlichen Nationen herrsche. Daß Papst Paul VI. den Patriarchen von Istanbul, Athenagoras, gerade in der Zeit der Zypern-Krise empfing, wurde als Symptom hierfür empfunden. Daß in der Türkei aus dem Gefühl politischer und wirtschaftlicher Hilflosigkeit die nationale Trommel besonders laut gerührt wird, entspricht dem Gesetz von Staaten, die versuchen, sich ihrer Identität sicher zu werden. Wenn aber religiöse Ressentiments in diesem Land wieder die Oberhand gewinnen, wird möglicherweise gerade erst das heraufbeschworen, wogegen die Türken glauben, sich wehren zu müssen: eine christliche Solidarität.

Ankara hat Freunde, und in der Zypernfrage ist es durchaus nicht so, daß die Sympathien der NATO-Partner auf griechischer Seite lägen. Es wäre töricht, wollte Ankara sich selber ins Unrecht setzen. Die Türkei gehört zu Europa. Es wäre fatal, wollte sie sich, indem sie zur Zeit vor Atatürk zurückkehrt, selber ausschließen.