Heine und Schubert, das haben wir in der Schule gelernt, wurden beide im Jahre 1797 geboren. Der eine schrieb "Denk ich an Deutschland in der Nacht", der andere setzte das Lied von dem Brunnen in Töne, der sich vorm Tore befindet. Ansonsten haben Komponist und Dichter nicht eben viel miteinander gemein, oder, besser gesagt, sie hatten wenig miteinander gemein, doch das ist nun anders geworden.

In einer Sendung, die den heimwehkranken Emigranten galt, gelang es zwei unerschrockenen Männern, den Herren G. und S., das Lied (mit Violinenschmalz, Mütterchen-Kinoorgel-Gesäusel und herbem Trompetenklang) so zu mißhandeln, daß sich zu den Akteuren des Films, vertriebenen Deutschen, zu Heinrich Heine und seinem Gedicht, das den Titel hergeben mußte, auch Franz Schubert als Opfer des Faschismus gesellte und ein kleiner Österreicher noch postum seinen größeren Landsmann erlegte. Das war beklagenswert, gewiß, aber da die Sendung eigentlich nur aus betrüblichen lapsus bestand, fiel die kleine böse Schubert-Missetat noch nicht einmal so schwer ins Gewicht. Dabei hatte man das Ganze offenbar herzlich ehrlich gemeint und sich, wer weiß, sogar der Überzeugung hingegeben, nun seien die Dinge endlich beim Namen genannt... doch gerade das war nicht der Fall.

Man sah ein paar bekannte Kulturfilm-Aufnahmen, Londoner Slums und Londoner Untergrundbahnen, Montreal-Impressionen und Mexiko-pictures; man sah trippelnde Leute und ernsthafte Männer, die Blätter umwandten, im Hubschrauber fuhren oder telephonierten. Manche rauchten auch, andere saßen am Schreibtisch oder sichteten eine Kartei, wie das nun einmal so geht. Während dieser Aktionen verharrten sie schweigend: offenbar ganz damit beschäftigt, auf ihre eigenen, wohlpräparierten Sätze zu lauschen, die man während ihrer Tätigkeiten im Hintergrund abspielen ließ. Stereotyp wiederholt, sah das recht komisch aus; doch die Autoren hatten sich dabei offenbar etwas gedacht: cum tacent clamant hieß die Devise.

Immerhin waren die Texte der befragten Männer (eine Frau schien nicht geflüchtet zu sein) noch einleuchtender als die Phrasen der beiden Verfasser. Ungarn und Schweizer wurden in einem Aufwaschen kurzerhand unter die deutschen Emigranten gemischt; auch ein Psychoanalytiker wie (!) Sigmund Freud war mit von der Partie, und was die Diktion betrifft, so drückten sich die ihrer Muttersprache längst Entwöhnten sehr viel akkurater als die beiden Journalisten aus. "In seiner zweiten Frau hat er zurückgefunden": ja, tatsächlich, so vernahm man es – und dieses auf der Couch des Seelenarztes durchaus sagbare Bonmot war nicht einmal das peinlichste. Schubert im Winterwald, Orgel und Schnee, Berg und Getier, das Lied, der Rhein bei Kaub, die bittere Fremde, das Heine-Zitat... es paßte so trefflich zusammen.

Die Emigranten denken deutsch. Sie sehnen sich nach den Forellen im Bächlein und haben Lesebuchträume. Wie gut für sie, daß hierzulande immer noch die deutsche Linde rauscht, der alte Brunnen plätschert und das fromme Gretchen spinnt.

Jedoch ist das die ganze Wirklichkeit? Gibt es nichts als Karneval-Heimweh und Tannen-Romantik? Wo sind die Assimilierten? Wo die Realisten? Wo diejenigen, die nicht mehr zurückkehren wollen, weil sie nicht in einem Land leben möchten, in dem Strauß sich zu Oberländer bekennt? Wo bleibt die Wahrheit? Der Geigen-Schubert und der Tränen-Heine zeigen sie nicht. Momos