Von Ernst Stein

Im Jahre 1827 schrieb Goethe, fast achtzig, in seiner Zeitschrift Kunst und Altertum: "In diesem Sinne mach’ ich aufmerksam auf einen Mann, der die große Epoche reinerer Menschenkenntnis, edler Duldung, zarter Liebe in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zuerst angeregt und verbreitet hat." Nicht lange danach bemerkte er zu Eckermann im Gespräch, er sei diesem Mann – und Shakespeare – "Unendliches schuldig geworden". Es sind unerwartet herzliche Töne, die Goethe, sonst so sehr zu verallgemeinernden Sentenzen geneigt, hier ausnahmsweise anschlägt – eingegeben von der gerührten Erinnerung an die Lektüre des Zwanzigjährigen, der gerade von Sesenheim für immer Abschied genommen hatte und sich mit Plänen für einen "Götz" und einen "Faust" trug.

Unerwartet sind sie, weil Goethe von einem Autor spricht, der in allem, im Werk wie im Leben, in Bildung und Gesinnung, im Geschmack und in der Manier, sein Antipode war: von dem englischen Pfarrer und Erzähler Laurence Sterne, der unter die Klassiker einging durch zwei Werke, die beide unvollendet blieben.

Was der junge Goethe, von den sozialen und literarischen Konventionen seiner Zeit beengt, ihm verdankte, war der Sinn für die Ungebundenheit, die Unbindbarkeit des Lebens, für die menschlichen "Eigenheiten... irrtümlich nach außen, wahrhaft nach innen und, recht betrachtet, psychologisch höchst wichtig. Sie sind das, was das Individuum konstituiert". Und sie hat Sterne als die Triebfeder alles Handelns und Verhaltens erschlossen, so "das Menschliche im Menschen entdeckend".

Das Jahrhundert, die Zeit um 1750, bedurfte dieser Entdeckung. Es hatte sich der Vernünftigkeit verschrieben; der Geist der Aufklärung filterte selbst die zartesten Gefühle durch seine Salzgärten, bis sie zu brüchigen Kristallen erstarrten. Mit Sternes Roman "Tristram Shandy" – der ein Antiroman ist – brach das Irrationale in die Salinen des Verstandes ein, vielmehr: es sickerte durch, denn das Buch erschien in Abständen, über die Jahre 1759 bis 1767, in neun kleinen Bänden. Der unbekannte Autor, schon nahe an fünfzig, wurde über Nacht berühmt, und es war auch hohe Zeit, denn er hatte keine zehn Jahre mehr zu leben.

Sein Leben stand schon früh im Schatten eines damals unheilbaren Leidens, und auch ihm hatte die Tuberkulose ihre unseligen Geschenke mitgegeben, den Lebenshunger und die erhitzte Sinnlichkeit. Aber der ewig verliebte Landpfarrer Sterne, der meist mit Briefen und Gesprächen vorliebnahm, ist eine andere Erscheinung als der von Leidenschaften verzehrte Dekan Swift, den Enthaltsamkeit aus Menschenekel zum Wahnsinn trieb. Gemeinsam ist ihnen der Blick für die menschlichen "Eigenheiten" – aber aus Swift sprach schonungslose Verachtung, aus Sterne verständnisvolle Einfühlung, und so hat nicht der haßgeblendete Satiriker, sondern der verspielte Humorist den Typ des modernen Nervenmenschen vorweggenommen.

Sterne beschied sich in den Niederungen des Alltags, und so entging er, im Gegensatz zu Swift, der Gefahr der Höhe, vor lauter Menschheit den Menschen nicht mehr zu sehen – zum Unterschied auch von Voltaires "Candide", der um die gleiche Zeit erschien. Er beobachtete die Menschen und ließ sie reden, er brauchte sie nicht zu schildern, denn so beschrieben sie sich selbst am besten. Ihre wunderlichen Gewohnheiten, ihr Kampf mit den Tücken der Objekte, ihre ununterdrückbaren Schwächen sind alles, was er sieht, aber es genügt, um seine Gestalten von allen Seiten sichtbar zu machen.