G. S., Düsseldorf

Der Besucher des Heine-Zimmers im alten Gebäude der Landes- und Stadtbibliothek am Grabbe-Platz zu Düsseldorf entdeckt unter den ausgestellten Erinnerungsstücken auch das Doppel einer goldenen Plakette, die sich Heine-Medaille nennt. Sie wurde 1960 im Auftrage der Stadt Düsseldorf von dem Bildhauer Professor Ludwig Gies geschaffen und als besondere Auszeichnung zusammen mit der Ehrenbürgerschaft an den Altbundespräsidenten Theodor Heuss verliehen. In der Laudatio hieß es damals, daß die Plakette dem Geehrten „für besondere Verdienste um die Formung und Freiheit des Wortes in Rede und Schrift“ zuerkannt werde. Dem „Routinier in Ehrenbürgerschaften“, wie Heuss sich selber einmal scherzhaft bezeichnete, brachte die Ehrung etwas in Verlegenheit. Denn sein Verhältnis zu Heine war trotz jugendlicher Streitlust gegen den antisemitischen Literaturpolizisten Adolf Bartels nicht gerade sehr eng.

Soweit, so gut. Bis die Heine-Freunde und nicht zuletzt die rührige Heinrich-Heine-Gesellschaft auf den Gedanken verfiel, daß die Heine-Medaille eigentlich eine kulturpolitische Auszeichnung sei, die mehr als nur einmal verliehen werden sollte. Man präsentierte den verdutzten Stadtvätern auch sogleich einen neuen Kandidaten: Max Brod, der in Tel Aviv lebt. Unter den Lebenden, so hieß es, sei dieser einer der Würdigen, um für „besondere Verdienste um die Formung und Freiheit des Wortes in Rede und Schrift“ ausgezeichnet zu werden. Brod war einer der ersten gewesen, die nach dem Kriege die Hand zur Versöhnung ausgestreckt hatten, abgesehen davon, daß er in den dreißiger Jahren eine Heine-Biographie geschrieben hatte.

Soviel Zustimmung diese Initiative in weiten Kreisen fand, so sehr brachte sie offensichtlich die Düsseldorfer Stadtväter in Verlegenheit. Mehr als ein halbes Jahr verging – mit dem Wechsel vom christdemokratischen Oberbürgermeister Müller zum sozialdemokratischen Oberbürgermeister Becker und mit der Krisenentwicklung im Nahen Osten –, ehe man sich zu der Erklärung durchrang, daß der Vorschlag einer Verleihung der Heine-Medaille grundsätzlich abgelehnt worden sei. Es handele sich um eine einmalige Ehrung, außerdem läge kein außergewöhnlicher Anlaß vor; zwar heiße die Plakette Heine-Medaille, aber nicht unbedingt in einer Beziehung zu Heine stehe.

Ein Trost bleibt den brüskierten Initiatoren: Inzwischen wird der Heimatverein „Düsseldorfer Jonges“ für die Verteilung von Heine-Plaketten an Lokalmatadore Sorge tragen. Düsseldorf aber hat eine Episode mehr in seiner an derlei Begebenheiten nicht gerade armen Heine-Historie.