Klaus Granzow: Tagebuch eines Hitler jungen 1943–1945; Carl Schünemann Verlag, Bremen; 186 Seiten, Paperback, 12,80 DM.

Keines der erschütterndsten Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg stammt aus den Tagen unmittelbar vor Hitlers Tod: Pimpfe und Hitlerjungen werden mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und von Hitler an der Wange getätschelt. Zwanzig Jahre nach der Niederschrift veröffentlicht der Hitlerjunge, Marinehelfer und Jungsoldat Granzow sein damaliges Tagebuch und bereichert damit die sehr spärlichen Aufzeichnungen jener weißen Jahrgänge, die fassungslos den Zusammenbruch ihrer Welt erleben mußten. Was ein Siebzehnjähriger schreibt in einer Zeit, in der für die Älteren schon deutlich erkennbar alle Hoffnungen dahinschwanden, erhebt keinen literarischen Anspruch, will kein Zeitdokument im anspruchsvollen Wortsinne sein, sondern schildert ganz schlicht den Mißbrauch einer von der Schulbank weggezogenen Generation in eine Welt, die sie nicht verstehen konnte. Krieg bleibt gefährliche Spielerei, Abenteuer, Mischmasch aus unreflektiertem Gefühl und einer naiven Unwissenheit, die vieles ertragen läßt, weil Zusammenhänge nicht erkannt werden können.

Das jugendliche Gemüt ist noch ganz im Elternhaus verhaftet und flüchtet sich nach dort zurück. Pubertäre Betrachtungen angesichts der grollenden Oderfront und des brennenden Dresdens: unmittelbar gelitten hat der Verfasser als Flakhelfer und Kanonier nicht mehr als seine Altersgenossen. Die Folgen derartiger Erlebnisse stellen sich ohnehin meist erst später ein. Der wahre dokumentarische Wert dieses Berichts liegt im damaligen Bemühen des jungen Autors, immer noch verstehen und entschuldigen zu wollen, wo es nichts mehr zu verstehen gab.

Erschreckend der Einbruch des Goebbels-Jargons in den Stil gewiß nicht nur dieses Jungen, vermischt mit Schnoddrigkeit und harmloser Angeberei: Hineinkichern eines vorzeitig zum Helden erklärten Pimpfen über seine eigene Tüchtigkeit. Ein beschämendes Buch für alle, die vor zwanzig und etwas mehr Jahren nicht alles als Vorgesetzte und Pädagogen getan haben, um diese Jungen aus dem unmittelbaren Kampfgeschehen herauszuhalten, wie es vielerorts möglich war.

Einer von Hitlers Garanten der Zukunft, die hart wie Kruppstahl und – im Gegensatz zu ihrem Messias – nur noch sportlich gestählt und zäh wie Leder sein sollten, hat freimütig sein damaliges Gefühlsleben veröffentlicht. Viele solcher Tagebücher mögen "in jenen Tagen" geführt worden sein, für den Mut zur Publizität muß man dem Verfasser danken. Über die in der Sache gelegentlich belanglosen Kriegserlebnisse hinweg starrt man unvermittelt noch einmal in das Gesicht des magischen Dämons aus Braunau, dessen Existenz mitten unter uns ein qualvolles Rätsel und ein Erlebnis magischer Verführung der Seelen bleiben wird. Lutz Köllner