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Vor 20 Jahren begann die "Gruppe Ulbricht ihre Arbeit – Legende und Wirklichkeit

Von Wolfgang Leonhard

Am 30. April 1945, um sechs Uhr früh, standen Walter Ulbricht und neun deutsche kommunistische Emigranten vor dem Moskauer Hotel "Lux" in der Gorkistraße. Ein paar Minuten später traf ein Autobus ein; sie stiegen ein und führen zum Moskauer Flugplatz Wnukowo. Das Personal des Flugplatzes wußte offenbar Bescheid; ohne die sonst üblichen Zollkontrollen und Ausweisformalitäten wurden die zehn deutschen Emigranten zu einer bereitstehenden amerikanischen Douglas-Transportmaschine gebracht. Wenige Minuten später startete die Maschine – Richtung Deutschland.

So begann, neun Tage ehe der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, die Aktion der "Gruppe Ulbricht", die für die politische Entwicklung in Deutschland entscheidend wurde. In den letzten Jahren ist die "Gruppe Ulbricht" in einer Unzahl von Veröffentlichungen verherrlicht worden. In vielen Punkten stimmen diese Schilderungen jedoch mit den Tatsachen nicht überein.

Als Teilnehmer dieser Gruppe kann ich mich noch genau erinnern, daß ich erst Mitte April zum erstenmal von diesem Unternehmen hörte. Seit Januar 1945 wurden allerdings schon regelmäßig Instruktionsreferate für etwa 150 ausgesuchte deutsche kommunistische Emigranten gehalten. Das Thema: die zukünftige politische Arbeit im Nachkriegsdeutschland. Der Grundtenor – und dies verdient besonders festgehalten zu werden, weil sich schon wenige Monate später die "Linie" beträchtlich änderte – war damals die These, daß Deutschland eine langjährige Periode der Besetzung durchmachen werde. In den ersten Jahren der Besetzung, so hieß es damals, sei mit der Zulassung von politischen Parteien wohl überhaupt nicht zu rechnen. Die Aufgabe der Kommunisten sei es deshalb, die demokratischen Reformen der Besatzungsmächte zu unterstützen und in den neuen Verwaltungsorganen mitzuarbeiten. Sobald eine politische Betätigung möglich sei, sollte eine antifaschistische Massenorganisation unter dem Namen "Block der kämpferischen Demokratie" geschaffen werden. Eine Bodenreform sei anzustreben, aber sie könne frühestens im Sommer 1946 durchgeführt werden.

Ein schweigsamer Sekretär

Von Mitte April gab es neben diesen allgemeinen Instruktionsreferaten im Hotel "Lux" noch kurze Besprechungen der "Gruppe Ulbricht". Sie fanden meist abends statt. Von den zehn Mitgliedern der Gruppe spielten dabei Otto Winzer und Richard Gyptner – beide im "Institut Nr. 205", der Nachfolgeorganisation der Komintern, tätig – und Karl Maron, der beim Sender "Freies Deutschland" die Militär-Kommentare schrieb, die wichtigste Rolle. Auch Gustav Gundelach und Wolfgang Köppe waren im "Institut Nr. 205" tätig, während drei Mitglieder der "Gruppe Ulbricht – der Schriftsteller Fritz Erpenbeck, der ehemalige Jugendfunktionär Hans Mahle und ich beim Sender "Freies Deutschland" als Kommentatoren oder Rundfunksprecher beschäftigt waren. Als zehntes Mitglied gab es noch einen sehr schweigsamen technischen Sekretär, der sich niemals vorstellte und seinen Namen selbst uns nicht bekanntgab.

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In den letzten Tagen des April mußten wir alle unsere für den Aufenthalt in der Sowjetunion notwendigen Dokumente abgeben. In einer besonderen Abteilung des "Instituts Nr. 205", der Nachfolge-Institution der Komintern ("Kommunistische Internationale") wurden wir mit neuer Kleidung ausgestattet; Walter Ulbricht übergab in seinem Hotelzimmer jedem von uns 1000 Rubel für die letzten Anschaffungen in Moskau und 2000 Mark in den neuen von den Alliierten gedruckten Scheinen für die ersten Ausgaben in Deutschland. Am letzten Abend vor unserer Abfahrt, am 29. April, wurden wir zu einer kleinen Abschiedsfeier bei Wilhelm Pieck in seiner Dreizimmerwohnung im Hotel "Lux" eingeladen. Es ging recht gemütlich, inoffiziell und freundlich zu. Pieck, der uns zur Feier des Tages je ein Gläschen Wodka eingeschenkt hatte, brachte einen Trinkspruch "auf die zukünftige Arbeit in Deutschland" aus.

Kaum glaublich, aber wahr und zugleich typisch für die Situation im kommunistischen Rußland unter Stalin: noch beim Abflug aus Moskau am 30. April 1945 wußten sogar wir, die Mitglieder der "Gruppe Ulbricht" nicht, wohin die Reise ging und was wir die ersten Wochen in Deutschland zu tun hatten. Nach einer kurzen Zwischenstation in Minsk landeten wir auf einem kleinen primitiven Feldflugplatz. Erst später erfuhren wir, daß wir in Calau (jetzt Kalawa) im Kreis Meseritz (jetzt Miedzyrzecz), etwa 70 km östlich von Frankfurt an der Oder angekommen waren.

Eine halbe Stunde später erschien ein hoher Sowjetoffizier mit einem Lastwagen, der Ulbricht freundlich begrüßte und sich für die schlechte Transportmöglichkeit entschuldigte. Nach einer zweistündigen Fahrt auf diesem Lastwagen erreichten wir einen kleinen Ort namens Schwerin (jetzt Skwierzyna), wo wir von den Sowjetkommandanten dienstbeflissen begrüßt und zu einem recht üppigen Mahl eingeladen wurden. Zwei jüngere Sowjetoffiziere gaben unverhüllt ihrer Freude Ausdruck, die "verehrten Mitglieder der neuen deutschen Regierung" in der Kommandantur begrüßen zu dürfen. Da wir jedoch nicht ermächtigt waren, uns als "Gruppe Ulbricht" auszuweisen, wehrten einige von uns nur höflich die Anrede ab – und verstärkten damit nur den Glauben der Sowjetoffiziere.

Am nächsten Morgen hielten amerikanische und deutsche Limousinen mit sowjetischen Armeeoffizieren vor der Kommandantur und transportierten uns über Küstrin in Richtung Berlin. Immer noch wurde uns lediglich erklärt, es ginge "nach Westen". Schließlich hielten wir in Bruchmühle bei Straußberg östlich von Berlin. Hier befand sich der Sitz der politischen Hauptverwaltung der Armeen Marschall Schukows. Wir wurden in einem schönen Haus in der Buchholzer Straße 8 einquartiert – sehr zur Verwunderung der einheimischen deutschen Bevölkerung, die plötzlich erleben mußte, daß irgendwelche privilegierten Deutschen von sowjetischen Armeeoffizieren mit besonderer Zuvorkommenheit empfangen wurden.

Es war der 1. Mai 1945. Ulbricht brach sofort: zu seiner ersten Besichtigungsfahrt nach Berlin; auf, während wir, die übrigen Mitglieder der-"Gruppe Ulbricht", von General Galadshijezw, dem Chef der politischen Verwaltung der I. Bjelorussischen Front (also der Armeen Marschall Schukows) und seinen Mitarbeitern im Offizierskasino in der Fichtestraße 38 (jetzt: Konsumgaststätte "Jägerheim") empfangen wurden. Jeder von uns erhielt ein gewichtiges, von dem inzwischen verstorbenen General Galadshijew unterzeichnetes Dokument, wonach der Betreffende in den von den Armeen der I. Bjelorussischen Front besetzten Gebieten für die politische Hauptverwaltung tätig sei. Gleichzeitig wurde uns mitgeteilt, daß wir nach den Sätzen eines sowjetischen Majors verpflegt würden.

Bei unserem Nachmittagsspaziergang durch Bruchmühle trafen wir zum erstenmal "richtige Deutsche"; schon bei diesem ersten Gespräch hörten wir, daß der Einmarsch der Sowjettruppen nicht ganz so vor sich ging, wie wir uns die Befreiung vorgestellt und in unseren Rundfunksendungen aus Moskau propagiert hatten.

Erst hier, in Bruchmühle, wurde uns der erste Auftrag mitgeteilt: Wir sollten in Berlin die Bezirksverwaltungen aufbauen und dazu die geeigneten Antifaschisten auswählen. Die Bezirksverwaltungen sollten aus sechzehn Dezernaten bestehen. Soweit wie möglich sollten dabei "Bürgerliche" – vor allem frühere Mitglieder der Demokratischen Partei und des Zentrums und, falls möglich, Akademiker – sowie Sozialdemokraten und Parteilose herangezogen werden. Lediglich der stellvertretende Bürgermeister, der Bezirkschef der Polizei und die Dezernenten für Personalfragen und für Volksbildung und in einigen Fällen auch für Wirtschaft sollten "zuverlässige Genossen" sein. Die Kommunisten sollten nicht mehr als ein Drittel der Dezernenten stellen, damit die westlichen Alliierten bei ihrem Einzug in Berlin die von uns aufgebauten Verwaltungen bestätigen würden (was sie übrigens zunächst auch taten).

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Am Morgen des 2. Mai startete von Bruchmühle aus die ganze Wagenkolonne mit den Mitgliedern der "Gruppe Ulbricht" und einigen höheren sowjetischen Polit-Offizieren der Hauptverwaltung, die alle fließend Deutsch sprachen. Jetzt erst, bei unserer Fahrt nach Berlin, erlebten wir das volle Ausmaß der Zerstörung und des Grauens. Brände, Trümmer, umherirrende Menschen in zerfetzten Kleidern; ratlose deutsche Soldaten, die nicht mehr zu begreifen schienen, was vor sich ging. Singende, jubelnde und oft auch betrunkene Rotarmisten; Berliner Frauen, die unter Aufsicht von sowjetischen Soldaten die ersten Aufräumungsarbeiten leisteten. Aus den Häusern wehten weiße Fahnen als Zeichen der Kapitulation oder rote Fahnen als Begrüßung für die sowjetischen Truppen. Viele Leute trugen weiße oder rote Armbinden; ganz vorsichtige beide Binden zugleich.

Nach einem kurzen Besuch in der Kommandantur von Berlin-Lichtenberg wurden wir aufgeteilt: je zwei Mitglieder der Gruppe Ulbricht auf einen Berliner Bezirk. Ulbricht lud mich ein, mit ihm nach Berlin-Neukölln zu fahren. Am gleichen Abend trafen wir uns in einem einfachen Zimmer in einer Arbeiterwohnung, das durch eine flackernde Petroleumlampe erleuchtet war, mit einer Gruppe Neuköllner Kommunisten. So sehr ich mich freute, nun zum erstenmal mit richtigen deutschen Kommunisten zusammenzusitzen, so sehr erschütterte mich schon an diesem Abend die selbstherrliche Art Ulbrichts. Es war nicht ein Wiedersehen mit politischen Freunden, sondern ein Treffen des Chefs mit Untergebenen. Ulbricht fragte die Neuköllner Kommunisten aus und gab ihnen kurz, nüchtern und hart die Richtlinien für die Arbeit.

Jeden Tag fuhren wir nun frühmorgens in die verschiedenen Berliner Bezirke – zunächst meist in die westlichen–, und spät abends fanden dann in Bruchmühle unsere Sitzungen statt. Jeder von uns gab seinen Bericht, und Ulbricht erläuterte die neuen Anweisungen. Auf einer dieser Begegnungen gab der spätere Parteiführer die Direktive aus: Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben."

Sonderaufträge in Berlin

Am 9. Mai verließen wir Bruchmühle und erhielten ein neues Wohn- und Arbeitsgebäude in Berlin-Friedrichsfelde, Prinzenallee 80 (heute Einbecker Straße 41). Auch Marschall Schukow und die politische Hauptverwaltung der Sowjetarmee waren inzwischen nach Berlin-Karlshorst umgezogen. Wenige Tage nach unserem Umzug wurde, für uns unerwartet, das Tempo beschleunigt. Wir sollten jetzt auch einen Berliner Magistrat bilden. Tag und Nacht waren wir unterwegs, bis am 17. Mai auch diese Aufgabe erfüllt war.

Neben dem Aufbau der Verwaltung wurden wir häufig mit "Sonderaufträgen" beschäftigt. An zwei dieser Aufträge kann ich mich noch besonders gut erinnern. Einmal mußte alles stehen und liegen bleiben, weil in Erfahrung gebracht worden war, daß in Berlin-Reinickendorf angeblich eine trotzkistische Gruppe bestand. So mußten wir, wenige Tage nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, in dem zerstörten, hungernden Berlin Trotzkisten suchen – eine groteske Situation! Ein zweiter besonders wichtiger Auftrag war, sofort in das Haus des Rundfunks in der Masurenallee in Charlottenburg zu fahren, um dort im Rundfunk-Archiv die Aufnahmen über die Gespräche Molotows mit den Naziführern vom Oktober 1940 sicherzustellen, damit sie nicht in die Hände der westlichen Alliierten fielen. Als wir ankamen, war dies allerdings bereits erledigt worden – von einer nicht genannten sowjetischen Institution ...

Schon in den ersten Maitagen hatten die Antifaschisten in den meisten Berliner Bezirken aus eigener Initiative zur Selbsthilfe gegriffen, "Antifa-Büros" gebildet, um die ersten dringenden Sofortmaßnahmen (Löschen der Brände, Säuberung der Straßen, Einrichtung von Erste-Hilfe-Stationen usw.) durchzuführen und politische Aufklärungsarbeit zu leisten. Meine Erwartung, wir würden mit diesen Antifa-Komitees freundschaftlich zusammenarbeiten, sollte sich allerdings nicht erfüllen. Unnachgiebig forderte Ulbricht von uns, diese Komitees aufzulösen, wobei er zunächst das geradezu irrsinnige Argument vorbrachte, diese Büros seien von Nazis aufgezogen, die hier Unterschlupf suchten; ein anderes Mal dagegen erklärte er, die Berliner Kommunisten dürften nicht die Fehler der griechischen Genossen vom Herbst 1944 wiederholen, die sich auch in Büros zusammengeschlossen hatten, statt die neuen staatlichen Verwaltungsorgane zu besetzen. Die wirklichen Gründe für die Auflösung der Komitees – Ulbrichts tiefes Mißtrauen gegenüber allen selbständigen Richtungen und Initiativen, gegenüber allem, was er nicht genau kontrollieren konnte – ging mir allerdings erst später auf.

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In der ersten Juniwoche hielt eine große Wagenkolonne vor unserer Zentrale in der Prinzenallee 80. Wilhelm Pieck und eine Reihe führender Kommunisten waren aus Moskau eingetroffen. Eine Sitzung jagte die andere, und dann wurde die neue, von unseren Instruktionen in Moskau im Januar 1945 stark abweichende Linie bekanntgegeben: So schnell wie möglich, bis spätestens Mitte Juni, mußte die Kommunistische Partei neu gegründet werden. Bis dahin mußte auch eine eigene Parteizeitung herauskommen. Die Bildung anderer Parteien sollte gefördert werden, darunter auch die der Sozialdemokraten und zweier bürgerlicher Parteien – der demokratischen Partei und des Zentrums. Ein "antifaschistisch-demokratischer Block" mit einem gemeinsamen Aktionsprogramm sollte geschaffen und innerhalb dieses Blocks eine Aktionseinheit mit der SPD gebildet werden. An eine Einheitspartei war freilich noch nicht gedacht. Die Bodenreform, ursprünglich für 1946 vorgesehen, sollte bereits im Sommer 1945 durchgeführt werden.

Die Veränderung der politischen Linie gegenüber den Instruktionen im Januar 1945 in Moskau hatte offensichtlich ihre Ursache darin, daß sich die Beziehungen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion zu verschlechtern begannen und daß Stalin die politische Entwicklung in Deutschland schneller als ursprünglich geplant vorantreiben wollte.

Tag und Nacht waren wir nun unterwegs. Schon am 12. Juni verkündete Ulbricht im Saal des Berliner Magistrats den Gründungsaufruf der KPD, und am 13. erschien als KPD-Zentralorgan die erste Nummer der "Deutschen Volkszeitung". Nicht ganz so einfach ließen sich allerdings die anderen politischen Kräfte einplanen. Zum Unwillen Ulbrichts stand im Gründungsaufruf der SPD etwas von Sozialismus, was damals der Linie der KPD widersprach. Statt dem von uns gewünschten "Zentrum" beharrte Andreas Hermes an der Gründung einer christlich-demokratischen Union, der sowohl Katholiken als auch Protestanten angehören sollten. Als am 25. Juni in Ostberlin auch die CDU gegründet wurde, befürchtete Ulbricht, daß nun eine einheitliche bürgerliche Front entstehen könnte.

Was verschwiegen wird

Die Bemühung um die Gründung einer zweiten bürgerlichen Partei wurde verstärkt. Ein Mitglied unserer Gruppe, Richard Gyptner, erhielt die Aufgabe, sich mit "liberalen Kreisen" in Verbindung zu setzen und sie zur Gründung einer liberalen Partei zu bewegen. Nachdem am 5. Juli auch die Liberaldemokratische Partei (LPD) mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit getreten war, folgte schon am 14. Juli die Bildung des "antifaschistisch-demokratischen Blocks", der auf Grund einer neuen ideologischen Direktive als "antifaschistisch-demokratische Einheitsfront". bezeichnet wurde. Damit war die Vorbereitungsarbeit der "Gruppe Ulbricht" beendet. Schon Anfang Juli nahm das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands in der Wallstraße 76/79 seine Tätigkeit auf.

Zwanzig Jahre sind seit diesen Ereignissen vergingen. Es bleibt zu berichten, was inzwischen als den Mitgliedern der "Gruppe Ulbricht" geworden ist und wie die Tätigkeit der Gruppe Ulbricht heute in der Sowjetzone dargestellt wird.

Von den zehn Mitgliedern der Gruppe Ulbricht in Mai/Juni 1945 haben neben Walter Ulbricht vor allem noch drei Funktionäre Karriere gemacht. Otto Winzer avancierte nach einigen Zwischenstufen – Chef der Presseabteilung im SED-Zentralkomitee und Leiter der Privatkanzlei von Wilhelm Pieck – zum stellvertretenden Außenminister der DDR. Denselben Posten nimmt heute Richard Gyptner ein, der zuvor Sekretär des SED-Zentralkomitees und für viele Jahre DDR-Botschafter in Polen gewesen war. Karl Maron hatte im Mai 1945 als stellvertretender Oberbürgermeister von Berlin begonnen, war später stellvertretender Chefredakteur des "Neuen Deutschland", Generalinspekteur der Volkspolizei und schließlich bis November 1963 Innenminister des Zonenregimes. Seit kurzem soll er Direktor eines neugegründeten Instituts für Meinungsforschung beim ZK der SED sein.

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Der Aufstieg von Hans Mahle, nach 1945 zunächst Generalintendant aller Rundfunksender der Zone, wurde 1951 jäh unterbrochen. Wegen eher Rundfunksendung fiel er in Ungnade, tauchte später wieder als Redakteur der "Schweriner Volkszeitung" wieder auf und ist jetzt für des SED-Organ "Die Wahrheit" in Westberlin zuständig. Gustav Gundelach ging schon bald nach Westdeutschland; er war KP-Abgeordneter in ersten Bundestag, ist jedoch vor einigen Jahren verstorben. Fritz Erpenbeck hielt sich aus dem Apparat heraus und blieb, was er immer war: Theaterkritiken Walter Köppe war längere Zeit Wirtschaftsdirektor der Parteihochschule und soll jetzt einen relativ unbedeutenden Posten in der staatlichen Plankommission haben. Von dem schweigsamen technischen Sekretär war nie wieder etwas zu hören, das zehnte Mitglied der "Gruppe Ulbricht" war ich.

In allen sowjetzonalen Veröffentlichungen wird zu Recht die Mitarbeit der Gruppe Ulbricht beim Aufbau der neuen Verwaltungen betont; manches andere wird verschwiegen oder falsch dargestellt.

1. In der DDR wird verschwiegen, daß die Gruppe Ulbricht im Auftrage des im Oktober 1957 gestürzten Marschall Schukow tätig war. Auch General Galdshijew wird nicht erwähnt. Um diese Namen zu umgehen, wird lediglich von den sowjetischen Offizieren der I. Bjelorussischen Front gesprochen.

2. Die Darstellungen versuchen den Eindruck zu erwecken, die Gruppe Ulbricht habe im Mai und Juni 1945 planmäßig die zu Anfang des Jahres in Moskau ausgearbeiteten Direktiven verwirklicht. Mit keinem Wort wird erwähnt, daß sich die politische Linie Anfang Juni 1945 jäh verändert hat, zum Beispiel durch die plötzliche, ja überhastete Neugründung der KPD und die Vorverlegung der Bodenreform vom Sommer 1946 auf den Sommer 1945.

3. Völlig verschwiegen werden die "Sonderaufträge" der Gruppe Ulbricht; zum Beispiel die Suche nach Trotzkisten und die Anweisung, Rundfunk-Archivmaterial über die Gespräche Molotows mit den Nazi-Führern im Herbst 1940 sicherzustellen.

4. Die Kontroversen zwischen der Gruppe Ulbricht und den einheimischen Berliner Kommunisten und die von der Gruppe Ulbricht betriebene Auflösung der Antifa-Komitees wird in den meisten Schriften in der DDR überhaupt nicht erwähnt, in einigen nur angedeutet. Die Schuld wird dabei den Antifa-Komitees und den einheimischen Kommunisten zugeschoben, die nach den späteren Darstellungen sektiererische Auffassungen gehabt hätten.

5. Grotesk wird die Geschichtsklitterung, wenn es um die Mitglieder der Gruppe Ulbricht geht. Selbst das Zentralorgan Neues Deutschland hat inzwischen im Wortlaut die Eintragung Wilhelm Piecks in seinem Tagebuch unter dem Datum des 30. April 1945 zitiert: "Walter Ulbricht und weitere neun deutsche Genossen fliegen von Moskau nach Deutschland zurück." Damit ist auch offiziell deutlich zugegeben, daß sich die Gruppe Ulbricht aus insgesamt zehn Mitgliedern zusammensetzte. In allen neuen Darstellungen werden jedoch im besten Fall nur neun Mitglieder genannt, da meine Teilnahme an der Gruppe Ulbricht stets unterschlagen wird. In einer historischen Studie von Siegried Thomas, herausgegeben von der Ostberliner Akademie der Wissenschaften, fehlen außer mir noch Gustav Gundelach und Hans Mahle, statt dessen wird Arthur – Pieck, der Sohn Wilhelm Piecks, aufgeführt, der niemals Mitglied der Gruppe Ulbricht war.

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Auffällig erscheint schließlich, wie die Bedeutung der Gruppe Ulbricht in der offiziellen Darstellung gewachsen ist. Im ersten Jahrzehnt, von 1945 bis 1955, wurde die Existenz der Gruppe Ulbricht überhaupt verschwiegen. Damals schien es offenbar nicht ratsam, die Rolle der kommunistischen deutschen Emigranten in Moskau hervorzuheben. In den letzten Jahren aber ist die Literatur über die Gruppe Ulbricht in der DDR immer mehr angeschwollen. Neben mehreren ausführlichen Einzelberichten, darunter einer von Richard Gyptner, gibt es heute bereits eine Dissertation über die Gruppe Ulbricht (von Gerhard Keiderling). In der historischen Studie von Thomas wird die Gruppe Ulbricht als "faktisch die zentrale Parteiführung in Deutschland" bezeichnet. In der offiziösen von Stefan Doernberg – er wurde zusammen mit mir in der Kominternschule 1942 bis 1943 ausgebildet – verfaßten "Kurzen Geschichte der DDR" wird die Gruppe Ulbricht als "Initiativgruppe" der KPD bezeichnet.

Vor allem in den letzten Tagen ist eine ganze Serie von Artikeln erschienen, in denen die Gruppe Ulbricht verherrlicht wurde. Immer mehr wird dabei die Person Walter Ulbrichts in den Mittelpunkt gerückt. Am Haus in der Einbecker Straße 41, wo die Gruppe Ulbricht 1945 wohnte, wurde inzwischen eine Marmortafel mit folgendem Text angebracht:

"In diesem Hause begannen am 9. Mai 1945 die antifaschistisch-demokratischen Kräfte unter Führung von Walter Ulbricht mit der Herstellung der Einheitsfront von KPD und SPD und dem Aufbau der neuen demokratischen Verwaltung in Deutschland."