Am Morgen des 2. Mai startete von Bruchmühle aus die ganze Wagenkolonne mit den Mitgliedern der „Gruppe Ulbricht“ und einigen höheren sowjetischen Polit-Offizieren der Hauptverwaltung, die alle fließend Deutsch sprachen. Jetzt erst, bei unserer Fahrt nach Berlin, erlebten wir das volle Ausmaß der Zerstörung und des Grauens. Brände, Trümmer, umherirrende Menschen in zerfetzten Kleidern; ratlose deutsche Soldaten, die nicht mehr zu begreifen schienen, was vor sich ging. Singende, jubelnde und oft auch betrunkene Rotarmisten; Berliner Frauen, die unter Aufsicht von sowjetischen Soldaten die ersten Aufräumungsarbeiten leisteten. Aus den Häusern wehten weiße Fahnen als Zeichen der Kapitulation oder rote Fahnen als Begrüßung für die sowjetischen Truppen. Viele Leute trugen weiße oder rote Armbinden; ganz vorsichtige beide Binden zugleich.

Nach einem kurzen Besuch in der Kommandantur von Berlin-Lichtenberg wurden wir aufgeteilt: je zwei Mitglieder der Gruppe Ulbricht auf einen Berliner Bezirk. Ulbricht lud mich ein, mit ihm nach Berlin-Neukölln zu fahren. Am gleichen Abend trafen wir uns in einem einfachen Zimmer in einer Arbeiterwohnung, das durch eine flackernde Petroleumlampe erleuchtet war, mit einer Gruppe Neuköllner Kommunisten. So sehr ich mich freute, nun zum erstenmal mit richtigen deutschen Kommunisten zusammenzusitzen, so sehr erschütterte mich schon an diesem Abend die selbstherrliche Art Ulbrichts. Es war nicht ein Wiedersehen mit politischen Freunden, sondern ein Treffen des Chefs mit Untergebenen. Ulbricht fragte die Neuköllner Kommunisten aus und gab ihnen kurz, nüchtern und hart die Richtlinien für die Arbeit.

Jeden Tag fuhren wir nun frühmorgens in die verschiedenen Berliner Bezirke – zunächst meist in die westlichen–, und spät abends fanden dann in Bruchmühle unsere Sitzungen statt. Jeder von uns gab seinen Bericht, und Ulbricht erläuterte die neuen Anweisungen. Auf einer dieser Begegnungen gab der spätere Parteiführer die Direktive aus: Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

Sonderaufträge in Berlin

Am 9. Mai verließen wir Bruchmühle und erhielten ein neues Wohn- und Arbeitsgebäude in Berlin-Friedrichsfelde, Prinzenallee 80 (heute Einbecker Straße 41). Auch Marschall Schukow und die politische Hauptverwaltung der Sowjetarmee waren inzwischen nach Berlin-Karlshorst umgezogen. Wenige Tage nach unserem Umzug wurde, für uns unerwartet, das Tempo beschleunigt. Wir sollten jetzt auch einen Berliner Magistrat bilden. Tag und Nacht waren wir unterwegs, bis am 17. Mai auch diese Aufgabe erfüllt war.

Neben dem Aufbau der Verwaltung wurden wir häufig mit „Sonderaufträgen“ beschäftigt. An zwei dieser Aufträge kann ich mich noch besonders gut erinnern. Einmal mußte alles stehen und liegen bleiben, weil in Erfahrung gebracht worden war, daß in Berlin-Reinickendorf angeblich eine trotzkistische Gruppe bestand. So mußten wir, wenige Tage nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, in dem zerstörten, hungernden Berlin Trotzkisten suchen – eine groteske Situation! Ein zweiter besonders wichtiger Auftrag war, sofort in das Haus des Rundfunks in der Masurenallee in Charlottenburg zu fahren, um dort im Rundfunk-Archiv die Aufnahmen über die Gespräche Molotows mit den Naziführern vom Oktober 1940 sicherzustellen, damit sie nicht in die Hände der westlichen Alliierten fielen. Als wir ankamen, war dies allerdings bereits erledigt worden – von einer nicht genannten sowjetischen Institution ...

Schon in den ersten Maitagen hatten die Antifaschisten in den meisten Berliner Bezirken aus eigener Initiative zur Selbsthilfe gegriffen, „Antifa-Büros“ gebildet, um die ersten dringenden Sofortmaßnahmen (Löschen der Brände, Säuberung der Straßen, Einrichtung von Erste-Hilfe-Stationen usw.) durchzuführen und politische Aufklärungsarbeit zu leisten. Meine Erwartung, wir würden mit diesen Antifa-Komitees freundschaftlich zusammenarbeiten, sollte sich allerdings nicht erfüllen. Unnachgiebig forderte Ulbricht von uns, diese Komitees aufzulösen, wobei er zunächst das geradezu irrsinnige Argument vorbrachte, diese Büros seien von Nazis aufgezogen, die hier Unterschlupf suchten; ein anderes Mal dagegen erklärte er, die Berliner Kommunisten dürften nicht die Fehler der griechischen Genossen vom Herbst 1944 wiederholen, die sich auch in Büros zusammengeschlossen hatten, statt die neuen staatlichen Verwaltungsorgane zu besetzen. Die wirklichen Gründe für die Auflösung der Komitees – Ulbrichts tiefes Mißtrauen gegenüber allen selbständigen Richtungen und Initiativen, gegenüber allem, was er nicht genau kontrollieren konnte – ging mir allerdings erst später auf.