Von Werner Koch

Am zehnten Mai dieses Jahres wird ein deutscher Dichter achtzig Jahre alt, der in deutschen Landen nur noch wenigen als ein Dichter gilt. Seine Bücher werden nicht mehr gedruckt, seine Dramen nicht mehr gespielt, seine Reden sind nicht mehr erwünscht, sein Wort bleibt ungehört.

Für einen Dichter eine bittre und eine böse Einsicht. Für einen Achtzigjährigen eine kaum korrigierbare und nicht mehr reparierbare Enttäuschung. Und also hat der Achtzigjährige seine Koffer gepackt: Fritz von Unruh, Sohn eines preußischen Generals, wird wieder einmal in die Emigration getrieben.

Vor knapp zwanzig Jahren, als prisoner of war, habe ich Fritz von Unruh einen Brief geschrieben. Die Anschrift hieß: "An den deutschen Dichter Fritz von Unruh, New York." Der Brief ist angekommen.

Ob wohl heute ein Brief, adressiert an den deutschen Dichter Fritz von Unruh, Bundesrepublik Deutschland, sein Ziel erreichte?

Ich habe weniger den Eindruck, daß Fritz von Unruh vergessen ist, als den, daß man ihn totschweigt. Man leugnet, daß er ein Dichter ist. Hat sich also Max Reinhardt geirrt, als er den preußischen Leutnant zur Bühne holte und seine Werke immer wieder spielte? Haben sich alle deutschen Theaterintendanten geirrt, als sie die Dramen Fritz von Unruhs zwei Jahrzehnte lang auf ihren Spielplan setzten? Haben sich die Kulturdezernenten und die Zeitkritiker geirrt, als sie Fritz von Unruh den Kleist-Preis, den Bodmer-Preis, den Grillparzer-Preis, den Schiller-Preis, den Raabe-Preis, den Goethe-Preis zuerkannten?

Fritz von Unruh hat sich um Semikolon und Komma wenig gekümmert; seine Sorge waren die Fragezeichen, sein Glaube waren die Ausrufezeichen. Eben die aber hat er richtig gesetzt!