M., Mannheim

Ausgerechnet das traditionell "rote" Mannheim erlebte fast auf den Tag genau 20 Jahre nach dem Abgesang des Dritten Reiches den Versuch einer braunen Wiedererweckung. Sein Ausgang hinterließ Bestürzung und Ratlosigkeit. "Jetzt kommen die Nazis wieder aus ihren Rattenlöchern", warnte die örtliche Industriegewerkschaft "Druck und Papier", und die SPD-nahe "Allgemeine Zeitung" sorgte sich: "Zwanzig Jahre nach einem Wiederaufbau – wittern diese Unverbesserlichen Morgenluft."

Bei den Unverbesserlichen handelte es sich um eine kleine, als "Unabhängige Liste 1" firmierende Gruppe innerhalb des ZEWA-Faltkistenwerks in Mannheim-Rheinau, die von sich reden machte, als die Betriebsrats wählen näherrückten. Als ihr Sprecher verstand es der Arbeiter Heinz Hepp, durch forsches Auftreten die ausschließlich von "Druck-und-Papier"-Funktionären gestellten Kandidaten der "Liste 2" in ungewohnte Unruhe zu versetzen. Diese steigerte sich zu heller Empörung, als Hepp kurz vor dem Wahlgang eine Flugblattaktion startete. Auf selbstverfaßten, hektographierten Schriften brachte er in fünffacher Version Parolen unter die rund 700 Werks-, angehörigen, die von der "Allgemeinen Zeitung" als "Pamphlete übelster Art" abgekanzelt wurden.

In seinen, vor orthographischen Fehlern strotzenden Aufrufen zieht Hepp vor allem gegen die im DGB zusammengeschlossenen Gewerkschaften vom Leder. Ihnen wirft er vor: "Sie haben schon einmal die Demokratie zu Tode geritten" und fragt anschließend: "Wo bleiben die Erholungsheime? Wo die Kraft-durch-Freude-Fahrten? Wo die Kinderlandverschickungen? Wo die Altersheime für alleinstehende arme Genossen?" Ein anderes Blatt appelliert: "Auch Du, Kamerad!" und fördert in einem 21-Punkte-Programm die "Erhaltung eines deutschen zuverlässigen Betriebskaders". Wenn von Gastarbeitern die Rede ist, wird dieses Wort in An- und Abführungszeichen gesetzt.

Hepp ist damit mit seiner Polemik noch lange nicht am Ende. Ungebrochen schimpft er weiter über die Gewerkschaftsorganisationen: "Sie, die unsere Kriegsgefangenen in den Lagern den Siegern als Reparationen zur Verfügung stellen wollten, damit sie ungestört die Demokratie aufbauen könnten. Leider verstanden sie darunter die Verteilung von 1,65 Milliarden Vermögen der DAF zugunsten von Bonzen, die bestimmt nicht in den Kriegsgefangenenlagern saßen. In den Lagern saßen die deutschen Arbeiter oder wurden vertrieben, verfolgt und ermordet."

Unter der Überschrift "Leider Tatsachen!" dichtet Hepp im Versrhythmus des "ehemaligen Lieds der SS-Standarten": "Die Preise hoch, die Zone fest geschlossen, der DGB marschiert mit ruhig festem Tritt, ist man auch immer stetig vollgesoffen, die Dummen zahlen kräftig weiter mit." Das gleiche Blatt stellt fest: "Der deutsche Gewerkschaftsbund hat sich zwar nicht Hitler entgegengestellt, um so eifriger kämpft er heute gegen den toten Adolf Hitler und alles was damit zusammenhängt. Mit besonderer Energie wandte er sich gegen einen Gedächtnisgottesdienst und eine Gedenkfeier, die auf dem Soldatenfriedhof in Münstereifel zu Ehren von Soldaten stattfand, die im Zweiten Weltkrieg fielen, in Gefangenschaft verhungerten oder durch entmenschte Horden der Sieger umgebracht wurden." Die Schrift schließt mit einem Aufruf an "Kameraden, Idealisten, Kämpfer für unser Recht!"

Hepps Parolen fanden ein unerwartetes Echo. Als am Morgen nach der Wahl die Stimmzettel ausgezählt wurden, hatten seine "Unabhängigen" vier von elf Betriebsratssitzen erobert, zwei gingen an die Angestellten. Verlierer war die IG "Druck und Papier", die von bisher neun Sitzen vier abgeben mußte. Gewinner Hepp wurde seines Erfolges jedoch nicht so recht froh. Wenige Minuten nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses setzte ihn die ZEWA-Betriebsleitung wegen "ernsthafter Störung des Betriebsfriedens" fristlos an die frische Luft.