Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde

Von Robert Havemann

Die Ost-Berliner FDJ-Zeitschrift "Forum" hat im Januar Professor Havemann, der wegen seiner kritischen Vorlesungen aus der SED ausgeschlossen worden ist, scharf angegriffen. Havemann schickte der Zeitung daraufhin am 1. Februar die Entgegnung, die wir abdrucken. Da "Forum" sie bis heute nicht gebracht hat, stellte Havemann inzwischen Strafantrag gegen den Chefredakteur der Zeitschrift.

Hermann Knappe hat im "Forum" Äußerungen aus zwei Abschnitten meines Lebens einander gegenübergestellt. Äußerungen aus den Jahren 1951–1953 und Äußerungen von heute. Er hat recht: Was ich damals dachte und schrieb, kann nicht als "Jugendsünde" abgetan werden. Meine Irrtümer von damals waren ernster Natur.

Hermann Knappe wirft mir vor, daß ich mich bisher nicht offen und selbstkritisch hierzu bekannt habe. Ich nehme seinen Vorwurf uneingeschränkt an. Wenn man seine Meinung zu wichtigen Fragen ändert, so genügt es nicht, die neuen Ansichten zu vertreten und die alten zu kritisieren. Man muß danach forschen, warum man früher anders dachte, warum man heute anders denkt. Man muß den Wandel des eigenen Denkens in schonungsloser Offenheit darlegen. Wer den Eindruck zu erwecken versucht, er habe nie geirrt – oder wer es auch nur zuläßt, daß dieser Eindruck entstehen kann, handelt unehrlich und verdient keinen Kredit.

Die Beispiele, die Hermann Knappe aus meinen früheren Schriften als Beleg meines damaligen Denkens anführt, geben nur ein blasses Bild. Es war viel schlimmer.

Damals galt für mich der Grundsatz: Die Wahrheit ist "parteilich". Jeden Gedanken, der nicht "marxistisch" war, hielt ich für feindlich und für falsch zugleich. Natürlich maßte ich mir nicht an, aus eigenem Denken zu beurteilen, ob bestimmte Meinungen das Prädikat "marxistisch" verdienten oder nicht. Das zu entscheiden war Sache der Partei. Ich war zu unbedingter Bescheidenheit gegenüber der kollektiven Weisheit der Partei erzogen. Für mich galt: Die Partei hat immer recht.