Als Anton Ackermann, damals ein führender Genosse, uns klarmachte, daß es einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus gäbe, hatte er natürlich recht – und mit ihm die Partei. Als aber die Partei erklärte, daß es keinen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus gäbe, war es klar, daß Ackermann unrecht hatte und die Partei wiederum recht.

Damals war ich der Meinung, daß man einen guten Genossen daran erkennen kann, wie schnell er neue weise Einsichten der Partei verstehen und öffentlich für sie. eintreten kann. Die schlechten, unsicheren Genossen andererseits waren daran zu erkennen, daß sie in unbescheidener Überheblichkeit Einwendungen machten und völlig abwegige Fragen stellten, die man am besten gar nicht beantwortete. Die schlechtesten Genossen aber, die schon mit einem Bein im Lager des Klassenfeindes standen, das waren jene Unglücklichen, die es wagten, Kritik an den führenden Genossen der Partei zu üben, gar Kritik an dem führenden Genossen.

Heute erscheint mir die Geistesverfassung, in der ich mich damals befand, als geradezu lächerlich. Damals war sie das aber keineswegs. Sie war für einen guten Kommunisten eigentlich selbstverständlich. Wir hatten einen jahrzehntelangen schweren Kampf hinter uns. An einem Abschnitt dieses Kampfes, der ein Kampf auf Leben und Tod war, hatte ich in der antifaschistischen deutschen Widerstandsbewegung teilgenommen. Meine besten Freunde waren in diesem Kampf gefallen. Der Zusammenbruch des verhaßten Hitler-Regimes war ein großer Sieg unserer guten Sache. Er war unter der Führung Stalins errungen worden. Meine Befreiung aus dem Zuchthaus, mein Leben, mein Denken – alles verdankte ich der Partei, verdankte ich Stalin. Ich las im Jahre 1945 das Buch Arthur Koestlers "Darkness at Noon". Ein Offizier der US-Army hatte es mir geliehen.

Alles Verleumdung, gemeine raffinierte Lügen von Renegaten’– das war mein Urteil. Bis im Jahre 1956 der XX. Parteitag der KPdSU kam. Unter den Stößen dieses Erdbebens brach das Bauwerk meines Glaubens zusammen.

Was ich heute denke, was ich heute schreibe, das ist Wiederaufbau aus den Trümmern. Ich glaube, daß er möglich ist. Ich glaube, daß er notwendig ist. Ich selbst kann jedenfalls ohne den Versuch eines solchen Wiederaufbaus nicht leben. Das habe ich in meinen Vorlesungen versucht. Ich habe dabei einen Fehler gemacht. Ich habe das Ausmaß meiner eigenen Verstrickung in die Ideenwelt des Stalinismus nicht offen dargelegt. Wie oft habe ich daran Kritik geübt, daß Chruschstschow nur von den Fehlern Stalins sprach, nicht aber von den eigenen. Der Mensch neigt eben zu unangemessenem Großmut gegen sich selbst. Das ist eine Schwäche. Hermann Knappe hat recht, wenn er das offene Eingeständnis begangener Fehler und Irrtümer von mir fordert. Er hat noch mehr recht, wenn er das nicht nur von mir forderte.

Jahrelang glaubte ich, ein guter Marxist zu sein. Weil ich das glaubte, war ich es nicht. Heute glaube ich nicht mehr. Ich bin im Zweifel, in Unruhe. Ich bemühe mich, alles selbst zu überdenken. Ich lese, wo ich es bekommen kann, was ich früher nicht für lesenswert hielt. Ich habe "Die schmutzigen Hände" von Sartre nie gelesen. Ich wollte es nicht. Es hätte mir auch nicht geholfen. Heute habe ich das in "Rowohlts Deutscher Enzyklopädie" erschienene Buch "Marxismus und Existentialismus" gelesen. Ich fand darin einen andern Sartre. Von ihm stammt auch das Wort "Sklerose" zur Charakterisierung der dogmatischen Erstarrung des Marxismus unter dem Einfluß des Stalinismus, welches dem Forum wie auch dem Spiegel das Stichwort für die Überschriften ihrer Artikel gab.

Aber was sagt Sartre wirklich: "Man verstehe uns jedoch richtig: diese Sklerose ist keine reguläre Alterserscheinung. Sie ist das Ergebnis einer Weltlage von ganz besonderer Art. Der Marxismus ist längst noch nicht erschöpft, er ist noch ganz jung, er steckt fast noch in den Kinderschuhen: er hat kaum begonnen, sich zu entwickeln. Er bleibt also die Philosophie unserer Epoche: er ist noch nicht überlebt, weil die Zeitumstände, die ihn hervorgebracht haben, noch nicht überlebt sind. Unser ganzes Denken kann sich nur auf diesem Nährboden bilden. Es muß sich in diesem Rahmen halten oder im Leeren verlieren oder rückläufig werden."