Pflicht zum eigenen Urteil

Wie man sieht, ist Sklerose nicht unbedingt ein medizinischer Begriff. Die Sklerose des Marxismus jedenfalls ist nicht unheilbar. Wie aber könnte man sie heilen, wenn man sie überhaupt leugnet?

Vom Existentialismus, also von der durch ihn selbst in höchstem Maß geprägten Lehre, sagt Sartre in der Einleitung: man wird "verstehen, daß ich ihn für eine Ideologie halte, denn er ist ein parasitäres System, das am Saum des Wissens lebt, des Wissens, dem er sich ursprünglich entgegengestellt, dem er sich aber heute einzugliedern sucht". Nämlich dem Wissen des Marxismus. Meine Meinungen über Sartre haben sich vielleicht nicht weniger gewandelt als die Meinungen Sartres über den Existentialismus und den Marxismus. Ich bewundere das an Sartre.

Um die Bedeutung dieses Wandels ganz zu verstehen, um die ganze Tiefe dieses Wandels zu würdigen, muß man auch heute noch lesen, was Sartre früher sagte und dachte. Dies gilt nicht nur für Sartre. Darum ist die Gegenüberstellung meiner damaligen und meiner heutigen Ansichten berechtigt und notwendig.

Vor dem XX. Parteitag war ich Stalinist. Meine gründliche Abkehr von dieser Geisteshaltung erfolgte 1956 nach den Enthüllungen des XX. Parteitages in einem ganzseitigen Artikel im "Neuen Deutschland", der den Titel hatte: "Gegen den Dogmatismus – für den wissenschaftlichen Meinungsstreit." Seitdem habe ich den Streit, den ich wünsche und nicht im geringsten beklage.

Vor dem XX. Parteitag war, was die Parteiführung sagte, für mich tabu. Sie hatte das Recht der Zensur und der Unterdrückung aller Meinungen, die sie nicht teilte. Heute weiß ich, daß die Parteiführung das Recht der Zensur nicht hat. Ich weiß, jeder von uns, außerhalb und innerhalb der Partei, hat das Recht und die Pflicht, sich ein selbständiges Urteil zu bilden, auch über die Gedanken, die ich in meinen Vorlesungen dargelegt habe. Die Veröffentlichungsrechte für die DDR sind noch frei.