Von Kai Hermann

Hamburg, Anfang Mai

Eine Brise fuhr in das schwere rote Tuch. Die Maisonne strahlte mittags auf die verschnörkelten goldenen Lettern: "Proletarier aller Länder vereinigt euch." Von den kräftigen Fäusten eines Hafenarbeiters getragen, schwankte die Fahne auf das Hamburger Rathaus zu. Ihr folgten Frauen, Kinder und Männer; rote Nelken im Knopfloch. Über ihren Köpfen entrollte sich ein Transparent.

Kommandos aus einer Seitenstraße. Ein baumlanger Polizeioffizier warf sich in den Zug, riß das Transparent herunter. Pfiffe, Buhrufe: "Arbeiterverräter." Einer stimmte die "Internationale" an – aus hundert Kehlen kam das Echo: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde."

1. Mai 1965 in Hamburg. Die rote Fahne war fast hundert Jahre alt. Sie gehörte zum Programm der Maifeier, in den Zug der Traditionsfahnen. Die Leute, die ihr folgten, waren indessen. nicht vorgesehen. Daß sie dennoch marschierten, mußte die Ordnungshüter aufmerksam machen. Daß sie statt der blauen Plastikkugeln mit dem DGB-Zeichen am Revers die rote Nelke im Knopfloch trugen, hatte Mißtrauen erregt. Und als sie dann noch ein Transparent entfalteten – "Mit dem DGB gegen die Notstandsgesetze" – stellte sich heraus, daß wirklich etwas wider die Ordnung geschah. Nicht die Polizei, wohl aber die Gewerkschaften hatten das Mitbringen von Spruchbändern untersagt. So durfte denn der baumlange Polizeioffizier einschreiten.

Zur zünftigen Straßenschlacht reichte freilich weder der Eifer des Beamten noch die Empörung der Demonstranten. Die jungen Polizisten, die ihr Vorgesetzter zur Unterstützung heranbefahl, schauten recht rat- und hilflos zu. Der Offizier war froh, sich nach erfolgreich erledigtem Einsatz aus dem Handgemenge befreien zu können. Ohne Transparent setzte sich der Zug wieder in Bewegung: die Nachhut der Hamburger Arbeiterschaft, hundert oder zweihundert, kommunistisch gesteuert – wie die Polizei meinte.

Auf dem Rathausmarkt gab es Beifall. Er galt weder den Marschierenden noch den Traditionsfahnen, die soeben eintrafen, sondern hübschen Teenagern. Sie waren aus Dänemark gekommen, mit kurzen weißen Röcken und bunten Jacken; sie schlugen Pauken, spielten Saxophon und warfen weiße Stiefelchen anmutig in die Höhe – dem verblaßten roten Tuch und den Demonstranten voran. Also noch einmal, die Reihenfolge; Dänische Mädchen, offizielle Traditionsfahnen und hinterher illegale Kommunisten.