Es ist immer etwas gefährlich, wenn man einem Ereignis mit zu großen Erwartungen entgegensieht; leicht stellt sich dann die Enttäuschung ein. Die Vorschußlorbeeren, mit denen die Hannover-Messe 1965 schon recht frühzeitig, bedacht würde, waren deshalb vielen: Ausstellern gar nicht erwünscht. Doch hinterher war von Enttäuschung keine Rede: Die Geschäfte gingen glänzend. Deutsche Aussteller und vor allem die Ausländer, die aus 29 Ländern nach Hannover gekommen waren, zeigten sich hoch zufrieden: "Unsere optimistischen Erwartungen wurden noch übertroffen."

Überhaupt stand die diesjährige Hannover-Messe von vornherein unter einem guten Stern. Das zeigte sich bereits bei der Eröffnung durch Walter Hallstein, der in seinem vielbeachteten Referat genau den richtigen Ton traf. Der EWG-Präsident hielt keine liebenswürdig-unverbindliche Eröffnungsrede, sondern informierte seine Zuhörer, über die aktuellen Probleme des Europamarktes. Das entsprach der Atmosphäre in Hannover: Noch deutlicher als in früheren Jahren erwies sich die Messe nicht nur als Verkaufsplatz, sondern darüber hinaus als Treffpunkt der Wirtschaft, als ein internationales Diskussionsforum;

Ein wichtiges Thema war der Wettbewerb zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmen. Hallstein empfahl den USA "Mäßigung" bei ihren Auslandsinvestitionen. Bayer – Vorstandsvorsitzender Kurt Hansen machte deutlich, daß die deutsche Industrie in ihre Rolle auf dem Weltmarkt hineingefunden hat: Wettbewerb mit den Amerikanern, natürlich, den fürchten wir nicht – aber dann bitte auch gleiche Startbedingungen in den USA. Auch nach innen demonstrierte der Chef des größten deutschen Chemiekonzerns das gestärkte Selbstbewußtsein der Industrie. Ohne Scheu vor Kartellgesetz und Konzentrations-Hysterie bekannte Professor Hansen: Wir müssen zu einer stärkeren Arbeitsteilung zwischen den Unternehmen kommen, weil wir mit den vorhandenen Kräften haushalten müssen, und "wir müssen einfach größer werden". Nicht von Hansen, aber von anderen wurde der Zusammenschluß Agfa-Gaevert als Vorbild für notwendige "EWG-Fusionen" genannt.

Hannover ist endgültig zur Weltmesse geworden: Aus 105 Ländern kamen über eine Million Besucher. Unter ihnen drei sowjetische Minister. Das Interesse des Ostens hat sprunghaft zugenommen. Die Russen haben bereits erklärt, daß sie 1966 viermal soviel Ausstellungsraum haben möchten wie in diesem Jahr.

Die Abschlüsse der deutschen Aussteller zeigen: Unsere gute Konjunktur dauert an. Chemie, Elektroindustrie, Fernsehindustrie konnten große Aufträge verbuchen, Büromaschinen und Elektronik waren Spitzenreiter. Die Lieferfristen steigen – aber nicht die Preise. Vereinzelt wurde sogar über leichte Preissenkungen berichtet. Entsprechend war auch von "Konjunktur-Überhitzung" oder "importierter Inflation" nicht mehr die Rede. VW-Finanzchef Dr. Wolfgang Siebert: "Im letzten Jahr wurden wir wegen unserer Export-Erfolge scheel angesehen, diesmal haben uns die Politiker schon wieder beschworen: Wir brauchen 6 Milliarden Mark Überschuß in der Handelsbilanz."

Diether Stolze