Von Wolfgong J. i-Ielbidi

In wenigen Jahren ist aus dem vielversprechenden jungen Negerautor James Baldwin eine nationale Institution geworden, ein Bezugspunkt in den politischen und sozialen Auseinandersetzungen der USA, vergleichbar mit Robert Kennedy, James Hoffa, Gouverneur Wallace oder Martin Luther King. Als Schriftsteller ist er arriviert: Drei Essaybände und drei Romane sind veröffentlicht, zwei Stücke aufgeführt; er schreibt an seinem ersten Band Kurzgeschichten, einem dritten Stück, einem vierten Roman.

Die Brillanz seiner Analysen der amerikanischen Rassenfrage wird von niemand bestritten, und nichts macht ihre erstaunliche Resonanz so deutlich wie die Tatsache, daß ein großer Teil der in der Bürgerrechtsbewegung engagierten Intellektuellen und Studenten heute mit Selbstverständlichkeit in Baldwinschen Kategorien denkt und spricht, obwohl seine Attacken auf die "weißen Liberalen" bei den Betroffenen neben Zerknirschung auch Unmut erzeugen. Sein Roman

James Baldwin: "Eine andere Welt" (Originaltitel: "Another Country"), aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger; Rowohlt Verlag, Reinbek; 456 S., 24,– DM,

1960 erschienen, ist sein bisher letztes und in jedem Falle sein literarisch anspruchsvollstes Buch. Baldwin beschränkt sich hier nicht auf eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Schwarz und Weiß, das er in seinen Essays mit soviel Engagement und Qual auslotet; dennoch bleibt dieses Thema im Mittelpunkt. Trotz aller Bemühung kann sich keiner seiner Charaktere dem Spannungsfeld entziehen, das die Gesellschaft zwischen den Rassen aufgebaut hat.

Zeitlich, räumlich und sozial ist die Handlung eng begrenzt. Sie umfaßt wenige Monate in der Gegenwart und beschränkt sich, von einer Episode im französischen Exil abgesehen, auf zwei Stadtteile New Yorks: das erzwungene Getto Harlem und die Bohème von Greenwich Village, das den Schwarzen Befreiung, den Weißen Zuflucht vor dem Zwang zur Konformität verheißt.

Im Mittelpunkt des Romans steht, obwohl er bereits im ersten Viertel des Buches durch Selbstmord ausscheidet, der junge schwarze Jazzmusiker Rufus. Sein Scheitern wird im weiteren Verlauf Stück um Stück motiviert, und seine Freundschaft und die Erinnerung an ihn sind es, die die übrigen Figuren miteinander verbinden.