Washington, im Mai

Unter den amerikanischen Studenten beiderlei Geschlechts vollzieht sich gegenwärtig ein von Soziologen und Professoren als neu und nahezu revolutionär anerkannter Prozeß der Politisierung. Diese Politisierung äußert sich nicht nur in der Beteiligung am Feldzug für die Verfassungsrechte der Farbigen, der niemals so erfolgreich hätte sein können, wenn nicht akademische Bürgerrechts-Organisationen wie das Student Nonviolent Coordination Committee (im Volksmund SNIC genannt) ihn aktiviert hätten. Sie tritt ebenso zutage in der von den Studenten geübten nonkonformistischen Kritik an der Politik der Regierung in Vietnam oder in der Dominikanischen Republik, in Demonstrationen gegen die Regulierung der Meinungsfreiheit an den Universitäten selbst, in der Beteiligung am Friedenskorps oder in Aktionen wie der freiwilligen Hilfeleistung bei den großen Überschwemmungen im Mittelwesten. Tausende von Studenten fanden sich unaufgefordert ein, um Dämme zu bauen und Menschen und Güter vor den Fluten zu bergen.

Ein wenig davon hat es bei den amerikanischen Studenten schon immer gegeben, doch war derlei Tätigkeit meistens begrenzt auf humanitäre oder religiös-gemeinschaftliche Unternehmen. Die Hinwendung zum Politischen ist in dieser Intensität hingegen früher nicht beobachtet worden.

Der amerikanische Student hat auf seinem "Campus" nur den stark auf das Berufsziel konzentrierten, wegen der Größe mancher Universitäten – Berkeley in Kalifornien hatte im vorigen Jahr 62 000 Immatrikulationen – oft seelenlosen und kontaktarmen Lernbetrieb gekannt. Einen Ausgleich bot höchstens der gesellschaftliche Betrieb, den die "fraternities" oder die "sororities" (die männlichen und weiblichen Studentenverbindungen) entwickelten und pflegten. Im Unterschied zu seinen europäischen Kommilitonen, die sehr oft die politische Meinung direkt beeinflußten und aufrührten – schwamm er in seinem Fachstudium dahin, ganz darauf bedacht, nicht aufzufallen (es sei denn im Sport), keinen Anstoß zu erregen und die Regeln des gesellschaftlichen Wohlverhaltens nicht zu gefährden.

Wo es in der Herdenmasse dieses Lerneifers den generationsbedingten Ausbruch gegen Eltern oder Lehrer doch gab, suchte er in den fünfziger Jahren die verachtungsvolle, negierende Abkehr vom Gewohnten in der Form des Beatniktums. Der Protest der jungen Generation erschöpfte sich im Bärtetragen, in ungewaschener Saloppheit und in der beziehungslosen Zeittotschlagerei des Autorasens, des Büchsenbiertrinkens, des Herumflanierens mit dem anderen Geschlecht, der nabelbestaunenden Selbstverachtung oder der Suche nach einem leichten Exzeß von Marihuanarauchen und tiefenpsychologischen Götterdämmerungsanalysen.

Das gibt es glücklicherweise alles auch heute noch, denn die Colleges und Universitäten Amerikas sind noch nicht ganz herabgesunken zu Fließband-Produktionsstätten von Musteringenieuren der großen industriellen Korporationen, von Ärzten und Rechtsanwälten, die sich aalglatt zum Berufserfolg hinaufschlängeln. Gott sei Dank gibt es sogar in der Wohlerzogenheit dieser Produkte des amerikanischen Mittelstandes noch genug ungebärdige Typen, welche die Welt nicht so hinnehmen wollen, wie sie von den Eltern gezimmert worden ist.

Aber wo heute der Aufstand gegen das Hergebrachte an den Universitäten um sich greift, sucht er sich ein selbstgestecktes Ziel. Er verschwendet die Kraft dieser Generation nicht nur in der negativen Abkehr. Das Friedenskorps erforderte bereits wirklichen Verzicht, wirkliche Opferwilligkeit; die Betätigung in den Bürgerrechtsorganisationen bedeutet gelegentlich sogar den Einsatz des Lebens. Die Proteste gegen die Vietnam-Politik, in Tage und Nächte füllenden "teach-ins" mit manchen Professoren betrieben, mögen den Politikern schwärmerisch, unrealistisch und nebulös-pazifistisch vorkommen, doch sind auch sie Suche nach dem eigenen Standort.