Von Lutz Köllner

Hilde Spiel (Herausgeber): Der Wiener Kongreß in Augenzeugenberichten; Rauch-Verlag, Düsseldorf, 408 Seiten, 19,80 DM.

Am 9. Juni 1815, wenige Tage vor der Schlacht von Waterloo, die Napoleons "Hundert Tage" beenden, wurde in Wien die erste offizielle Sitzung der Siegermächte des ersten Pariser Friedensvertrages vom Mai 1814 abgehalten. Sie war zugleich die Schlußsitzung, die in der Hauptsache der Paraphierung der Schlußakte des Kongresses diente. Alle im Herbst zuvor geplanten feierlichen Beratungen im großen Redoutensaal der Hofburg haben niemals stattgefunden. Der Kongreß war seine eigenen Wege gegangen: in Ausschüssen, Unterausschüssen, auf Bällen, im Theater, beim Konzert und festlichen Veranstaltungen jeglicher Art und nicht zuletzt in den Salons und Boudoirs wurde Politik gemacht, große und kleine, intrigante und weitherzige Politik, ein buntes diplomatisches Theater, das unzähligen Operetten und Filmen zum Hintergrund diente. Protokollarisch gesehen hat es den Wiener Kongreß, genau besehen, gar nicht recht gegeben. Dennoch gilt er. bei Historikern und Politikern zu Recht als das letzte große politisch-gesellschaftliche Ereignis des 18. Jahrhunderts mit weitreichenden Folgen für die Geschichte des 19. Jahrhunderts in Europa.

Die Sieger über Napoleon, durch dessen Flucht aus Elba und seinen Zug auf Paris in ihrem ebenso eleganten wie scharfzüngigen diplomatischen Geschäft unterbrochen, haben damals in Wien Europa neu formiert. Über alle territorialen Änderungen hinweg mutet dabei der Ausgleich zwischen den Häusern Bourbon und Habsburg als die wichtigste Leistung an, während die Lösung der sächsischen und der polnischen Frage weit weniger überzeugte und gelang. Preußen erhielt weite Gebiete des vom König Lustig verwalteten, französisch etablierten Königreiches Westfalen; selbst Trier wurde preußisch, die Stadt, in der wenig später der grollende Sozialrevolutionär und "rote Preuße" Karl Marx geboren wird.

In der Reihe "Geschichte in Augenzeugenberichten" versucht der Karl-Rauch-Verlag ein wagemutiges Experiment: keine wissenschaftlich oder literarisch geprägte Historik möchte er seinen Lesern aus den Sternstunden der jüngeren europäischen Geschichte bieten, kein ohnehin problematisches historisches Sachbuch legt er vor, sondern eine durch lockere Kommentare verknüpfte Quellensammlung. Durch Augenzeugenberichte möchte er den Leser an die großen historischen Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte heranführen. Er soll die Dokumente kennenlernen, die Geschichte gemacht und besiegelt haben, er soll zeitgenössische Berichte lesen, die ihm lebendiges Geschehen vor Augen führen, er will, mit einem Wort, der Gefahr trockener und geronnener Schulbuchweisheit entgehen, die immer erst nachträglich interpretiert und geneigt, aber auch geeignet ist, Zusammenhänge aufzudecken, die im Strudel der Ereignisse noch ein unentwirrbares Geflecht bilden.

Geschichtsschreibung ist stets auch eine literarische Kunst gewesen, die mit zwei Grundproblemen ringen mußte: der Selbstbestimmung des Standortes des Schreibenden und der adäquaten Auswahl historischer Fakten und Zusammenhänge. Aber es ist wohl ein Irrtum zu glauben, daß eine ausgewählte Dokumentation beide Probleme mit einem Schlage lösen könnte. Denn bekanntermaßen liegt auch in der Auswahl von verbürgten Dokumenten bereits eine unsichtbare Wertung, und man kann nicht recht einsehen, warum gerade die Berichte von Spitzeln und Konfidenten auf dem Wiener Kongreß mit seiner liebenswürdigen, aber auch gefährlichen Doppelgründigkeit der historischen Wahrheit besonders nahekommen sollen. Sie dienen in erster Linie zur Kolorierung eines Milieus, in dem zum letztenmal und im großen Stil in Anwesenheit des allmächtigen Metternich Politik auch als erotisches und zwischenmenschliches Spiel getrieben wurde. Denn wie anders sah hundert Jahre später die Konferenz von Versailles aus mit ihrer perfekten Verhandlungsbürokratie und ihren festen ideologischen außenpolitischen Leitsätzen. Der tanzende Kongreß in Wien mag ein letzter Höhepunkt gewesen sein: sein historischer Wert kann nur erkannt werden aus einer Entfernung, die Zeitgenossen großer historischer Ereignisse notwendig unmöglich bleiben muß.

Diese kritischen, wenn man so will: methodischen Einwände dürfen nun aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Herausgeberin, einer intimen Kennerin Wiens, hier eine Zusammenstellung geglückt ist, die auf dem deutschen Büchermarkt bisher fehlte und die für jeden an Details Interessierten eine wahre Fundgrube ist. Die persönlichen Eigenheiten der "großen Vier" (Frankreich, Österreich, Rußland, Preußen), die Damentoiletten, die Hetären, Sonderlinge, Randfiguren, die öffentlichen Veranstaltungen in lichtüberfluteten Sälen, die geheimen Treffen konspirierender Diplomaten, Geist und Geld, Spitzel und Charmeurs kommen zu Wort und werden beschrieben. Jeder äußert sich über den anderen, und so entsteht aus Mosaikstücken das Bild eines Kongresses, der vierzig Millionen Franken gekostet haben soll und der die Linien zog für das Europa der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege standen Esprit und aristokratische Gesellschaft des ausklingenden 18. Jahrhunderts, wahrhaftig ein erregender Moment in der europäischen Geschichte, der in diesem gut ausgestatteten Buch seinen Spiegel fand.