R. S., Bonn, im Mai

Die Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und Israel haben sich lange hingezogen. Daß sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen verzögerte, war um so erstaunlicher als über die wesentlichen Fragen ja bereits in den Besprechungen des Abgeordneten Birrenbach mit der israelischen Regierung Einigung erzielt worden war: über die Ablösung der Waffenhilfe durch Leistungen nichtmilitärischer Art und über die grundsätzliche Bereitschaft der Bundesrepublik zu einer Wirtschaftshilfe für Israel.

Bei den letzten Besprechungen in Bonn ging es um die Formulierung der Briefe, die Erhard und Eschkol auszutauschen übereingekommen waren. Dabei wurde um jedes Wort gerungen. Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen ist durch die historische Schuld belastet, die im Namen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist; aber der Briefwechsel, der den Botschafteraustausch einleitet, mußte juristisch deutlich gefaßt sein, um spätere Mißverständnisse auszuschließen.

Der Wiedergutmachungswille der Bundesrepublik ist durch Taten erhärtet. Es stand dem Kanzler zu, bei diesem Anlaß darauf hinzuweisen. Man weiß freilich in der Bundesrepublik, daß es bei den bisherigen Leistungen nicht bleiben kann. Deshalb wurde Israel eine Wirtschaftshilfe zugesagt, über die noch verhandelt werden muß. In den Briefen aber sollte jede einseitige Präjudizierung des Verhandlungsergebnisses vermieden werden – daher die Sorgfalt bei der Formulierung. Dies – und nicht das Schielen nach den arabischen Ländern – hatte die Schlußphase der Verhandlungen verlängert.