DIE ZEIT

Jammernd mit viel schönen Reden

In Westdeutschland ist der zwanzigste Jahrestag der deutschen Kapitulation zu einem Festival der Wehleidigkeit geraten. In kaum einer Rede klang der Gedanke an, daß die Niederlage von 1945 geschichtlich nicht nur gerecht, sondern geradezu notwendig war – notwendig, damit Deutschland wieder frei werden konnte, und sei es auch nur unser Dreivierteldeutschland zwischen Rhein und Elbe.

Johnsons Signale

Zum zwanzigsten Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands hat die Sowjetunion mit einer militärischen Demonstration aufgewartet, die der Welt ihre Ebenbürtigkeit mit den USA und den Kommunisten ihren Führungsanspruch im östlichen Lager vor Augen führen sollte.

Einig mit Israel

Die Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und Israel haben sich lange hingezogen. Daß sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen verzögerte, war um so erstaunlicher als über die wesentlichen Fragen ja bereits in den Besprechungen des Abgeordneten Birrenbach mit der israelischen Regierung Einigung erzielt worden war: über die Ablösung der Waffenhilfe durch Leistungen nichtmilitärischer Art und über die grundsätzliche Bereitschaft der Bundesrepublik zu einer Wirtschaftshilfe für Israel.

NATO ohne Paris?

In der Tat nahm sich der Auftakt der NATO-Ministerratssitzung aus wie eine feierliche Abrechnung mit jenem Mann, der, obwohl nicht körperlich zugegen, immer anwesend ist, wenn Politiker des Westens heute über ihre gemeinsamen Probleme ins reine zu kommen suchen: Charles de Gaulle.

Wortführer der neuen Generation?

Am zwanzigsten Jahrestag der deutschen Kapitulation feierten in Hannover tausend Männer den Tag einer "nationalen Erhebung".

Zeitspiegel

In Österreich wurde die rechtsextremistische "Deutsche National- und Soldatenzeitung" beschlagnahmt. Die Zeitung hatte österreichische Widerstandskämpfer als Verräter bezeichnet und damit gegen das Entnazifizierungsgesetz verstoßen.

Was kostet die neue Regierung?

Nun ist es soweit, daß auch Bankiers und Makler sich auf die jeweils letzten Ergebnisse der Meinungsumfragen stürzen – das Studium der Bilanzen oder der Quartalsberichte von Unternehmen scheint an den Aktienmärkten der Bundesrepublik aus der Mode gekommen zu sein.

Die Parteien und ihr Geld

Im Juni 1958 hatten die Richter von Karlsruhe der Wiesbadener Klage stattgegeben und die steuerlichen Begünstigungen der Parteispenden als verfassungswidrig aufgehoben.

"Die Deutschen haben doch verloren"

Sind das unsere?" fragte der kleine Junge auf der Tribüne seinen Vater, einen sowjetischen Oberstleutnant, als die ersten Paradepanzer über den Ostberliner Marx-Engels-Platz rollten.

Ein Bonner Abhörhandel

Die Notstandsgesetzgebung ist in Zeitnot geraten. Nur noch knapp zwei Monate bleiben den Ausschüssen und dem Plenum des Bundestags in dieser Legislaturperiode für Beratungen.

Wie Österreich frei wurde

Vor zehn Jahren, am 15. Mai 1955, unterzeichneten die Außenminister der vier Mächte – Dulles, Molotow, Macmillan und Pinay – sowie der österreichische Außenminister, Leopold Figl, im Belvedere zu Wien den österreichischen Staatsvertrag.

Kein lautstarker Agitator

In Ostberlin ist Erich Wendt gestorben, der DDR-Staatssekretär und Verhandlungspartner des Westberliner Senats in Passierscheinfragen.

Nein zu General de Gaulle

Nach den schweren Enttäuschungen, die der französische Staatspräsident der Bundesregierung bereitet hat, machte er ihr nun eine kleine Freude: Er nahm Erhards Einladung zur nächsten Begegnung in Bonn für den 11.

Die Rebellion auf dem Campus

Unter den amerikanischen Studenten beiderlei Geschlechts vollzieht sich gegenwärtig ein von Soziologen und Professoren als neu und nahezu revolutionär anerkannter Prozeß der Politisierung.

Das Dunkel um Delgado

Humberto Delgado, der seit Februar verschollene portugiesische Oppositionsführer, wurde jetzt offiziell für tot erklärt. Spanische Polizeibehörden haben zwei Leichen, die vor vierzehn Tagen in einem ausgetrockneten Flußbett beim Grenzort Badajoz gefunden wurden, als die Delgados und seiner brasilianischen Sekretärin identifiziert.

Von ZEIT zu ZEIT

Von den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges feierten nur die Sowjetunion und Frankreich die 20. Wiederkehr der deutschen Kapitulation mit Paraden.

Große Koalition in Bonn?

In dieser Woche verhandelten SDP und CDU über die Ministerliste einer neuen Landesregierung in Niedersachsen. Der Appell des FDP-Bundesvorsitzenden Mende an die CDU, auch in Hannover eine Koalition nach Bonner Muster zu bilden, verhallte ungehört.

Namen der Woche

Baldur von Schirach, Hitlers "Reichsjugendführer" und letzter NS-Gauleiter von Wien, droht im Kriegsverbrechergefängnis Spandau zu erblinden.

Studenten wider den Schah

In vielen Städten des Westens gingen die persischen Studenten wieder einmal auf die Straßen, um gegen die Herrschaftsmethoden des Schahs zu protestieren.

Stalin redivivus

Als Chruschtschow die Leiche Stalins aus dem Lenin-Mausoleum entfernen und an der Kreml-Mauer beisetzen ließ, rief der Dichter Jewgenij Jewtuschenko aus: "Verdoppelt die Wachen / verdreifacht sie / vor diesem Grab! / Damit Stalin für immer darinnen bleibt.

Dominikanisches Abenteuer

"Der Präsident von Santo Domingo heißt Johnson. Er ist unser Boß!" entfuhr es Juan Bosch, dem dominikanischen Ex-Präsidenten, als er vorige Woche angesichts der gewaltigen US-Armada in seinem kleinen Heimatlande resignierte.

Enttäuschungen am 8. Mai

Zum 8. Mai, dem 20. Jahrestag der deutschen Kapitulation, statteten die deutschen Regierungschefs in Bonn und Ostberlin den Siegermächten ihren Dank ab.

Erdrutsch am Sambesi – Sieg der Weißen

Der südafrikanische Ministerpräsident Verwoerd hat allen Grund zur Zufriedenheit. Innerhalb der Südafrikanischen Union erhält seine Apartheids-Politik unter den Weißen immer mehr Zulauf.

Wege zur Deutschen Einheit

Wenn die Alliierten größeres Verständnis fürdie Qual eines geteilten Landes aufbringen müssen, so muß die Bundesrepublik der Tatsache ins Auge sehen,daß es nur dann eine aktiveWiedervereinigungspolitik geben kann, wenn sie in einem konkreten Programm formuliert ist.

Papens Kuckucksei

Der Westwind heulte über das Düsseldorfer Rheinufer. Ulanenoberst von Raumont hatte es schwer, mit seiner Stimme gegen den Vind anzukommen.

"Ich wollte ethischer Dünger sein"

Auf dem Flur des Landgerichts in Münster stellt er sich etwas linkisch den Kameraleuten. Er versucht sogar, "bitte, recht freundlich" auszusehen; das Lächeln gelingt ihm wie einem Problemkind, dem die Mutter ans Herz gelegt hat, artig zu sein.

Schütte macht Ernst

Was für Hessens Kultusminister, Professor Ernst Schütte, eine Stunde der Genugtuung und des Erfolges war, nannte die Christlich-Demokratische Landtagsopposition ein Beispiel "ungewöhnlich schlechten Stils": Der Minister verkündete auf einer Pressekonferenz vor den Kameras des Fernsehens die "Vorlage der Landesregierung – Gesetz über die wissenschaftlichen Hochschulen des Landes Hessen".

"Mein schönster Urlaub"

Was sich am 16. Juli 1947 in dem abgelegenen Häuschen des Rentners Johann Lettenbauer in Oberreitnau im bayerischen Allgäu abgespielt hat, weiß bis auf den heutigen Tag niemand genau.

ZEIT-Berichte aus der Forschung

Die Wale der Antarktis bevorzugen Meeresgebiete mit relativ geringem Salzgehalt, stellte der sowjetische Wissenschaftler Eduard Czerny fest.

Wohin steuert die Staatsrakete?

Weitsicht in eigener Sache scheint nicht gerade die Stärke der Wissenschaftler zu sein, die sich mit der Zukunft beschäftigen.

Theater

Die Schwetzinger Festspiele sind ein Geheimtip. Unter dem spendablen Patronat des Süddeutschen Rundfunks wurden im Rokokotheater des Kurfürsten Carl Theodor Auftragsopern uraufgeführt, von denen "Der Revisor" Werner Egks und die "Elegie für junge Liebende" von Hans Werner Henze dann in die Repertoiretheater gelangten.

Film

"Rattenfalle Amerika" (Frankreich; Verleih: Cine-Union): Mit seiner Frau Marie Laforet in der weiblichen und Charles Aznavour in der männlichen Hauptrolle hat Jean-Gabriel Albicocco einen Farbfilm zusammengebastelt, den man nur wunderlich nennen kann.

Bleibt Bonns Theater ein Stadttheater?

Diplomaten, Politiker, Journalisten, die in Bonn zu leben genötigt sind, haben oft über den Mangel an zentralen gesellschaftlichen Veranstaltungen geklagt.

Freitag, 7. Mai, das Feature:: Zwanzig Jahre danach

Am Vorabend des Jahrestages der Kapitulation – Radio DDR blendete sich zur gleichen Stunde in einen "Großen Tanzabend aus Anlaß des Jahrestages der Befreiung" ein – zog Peter Coulmas eine Bilanz von zwanzig Jahren Nachkriegsdeutschland, eine Bilanz, die an diesem Tage eine von vielen war und sich dennoch abhob.

Fernsehen: Mach mal Pause

Maigret, der Unermüdliche, hatte seines Amtes gewaltet; der Mörder des herzkranken Trinkers war glücklich zur Strecke gebracht.

Die Revolution am Swimming-pool

Literaturpreise gibt es viele, so viele, daß ein vollständiger Katalog auch nur der deutschen immer noch nicht zusammengestellt wurde: Und es gibt gewiß wirkungsvollere, ehrwürdigere, illustrere und höher dotierte als den Internationalen Literaturpreis und den Prix Formentor.

Nur ein Provisorium

Als jüngster Zementklotz wächst gegenüber dem Palais Schaumburg das neue Presse- und Informationsamt empor. Die nicht zu übersehende Diskrepanz zwischen der regierungsamtlichen Informationsburg und den schäbigen Quartieren der freien Presse läßt düstere Ahnungen aufkeimen.

Die strahlendste Krone

Staatsbesuche von Majestäten und Exzellenzen, Erzherzögen, Großfürsten und Generalgouverneuren haben früher einmal etwas mit Kunst zu tun gehabt.

Otto Klemperer

Die großen Dirigenten werfen mit ihren runden Geburtstagen nur so herum: Im vorigen Jahr Ernest Ansermet: 80, in der vorigen Woche Hans Schmidt-Isserstedt: 65, und am 15.

Zeitmosaik

In der Berliner Akademie der Künste treffen sich am 14. und 15. Mai Architekten und Theaterleute zu einem Colloquium über Theaterbau.

Kleiner Kunstkalender

Die drei Düsseldorfer bilden den Stamm der Gruppe Zero, ihren unwandelbaren Kern: in wechselnder Konstellation treten vorübergehend Gleichgesinnte hinzu und wieder hinweg.

So ist die FBW gar nicht

In seinem erfreulichen Versuch, aufzuzeigen, wo im In- und Ausland eine Filmzensur geübt wird, die einer künstlerischen Entwicklung entgegensteht ("Filmzensur – bei uns und anderswo", ZEIT Nr.

Nützt Literatur dem Staat?

Die Streiter waren Thilo Koch und Rolf Schroers. Der Gesprächsleiter, Dolf Sternberger, stritt auch mit. Das "Streitgespräch" entfachte jedoch keinen Streit, nur in Nuancen unterschieden sich die drei von einander.

Nachzahlung

Wie immer, wenn es nach Hause ging, machte Josef Tubacki sein Spiel: Tänzelnd bewegte er sich um unsere Karre, nahm den breiten aus Leinwand geschnittenen Ziehgurt quer über die Schulter, scharrte freudig, sprang an, prustete auch, bäumte sich schön auf im Geschirr und keilte spielerisch mit seinen ungleichen Sandalen aus, und das trieb er so lange, bis ich die Schubstangen anhob und rief: Hüh, Josef, hüh! Da zog er ungestüm an, er mit seinen zweiundsechzig Jahren, warf sich in den Gurt, machte einige, wenn auch mehr angedeutete Galoppsprünge, und in ungeduldigem Einverständnis warf er mir ein verstümmeltes Wiehern herüber, das ich mit einem Schnalzen erwiderte.

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