R. B., Berlin, im Mai

In Ostberlin ist Erich Wendt gestorben, der DDR-Staatssekretär und Verhandlungspartner des Westberliner Senats in Passierscheinfragen. Sein Tod vermindert auch die Hoffnungen, daß sich aus dem Passierscheinabkommen eine "Passierscheinpolitik" zum Nutzen und Frommen beider Teile Berlins und womöglich Deutschlands entwickeln könnte. Wendts letzte Jahre waren ganz erfüllt von dem steckengebliebenen Versuch, die beiden Teile Deutschlands einander wieder näherzubringen. Seine Freunde erzählen, daß er an dem Mißerfolg litt, den er nicht nur der Bundesregierung, sondern auch eifrigen Saboteuren aus den eigenen Reihen verdankte.

Wendt wurde 1902 als Sohn eines Fleischers in Leipzig geboren. Er wählte 1916 den Beruf des Schriftsetzers. Mit 17 Jahren trat er der Freien Sozialistischen Jugend, später dem Kommunistischen Jugendverband bei, kam dort bald in die Bezirksleitung Berlin-Brandenburg und ging schließlich, zwanzigjährig, in die KPD. Danach arbeitete er in kommunistischen Buchhandlungen und Verlagen.

Zweimal in seinem Leben geriet Wendt mit der Politischen Polizei in Konflikt. In Deutschland verhaftete sie ihn 1923, doch verbrachte er nur kurze Zeit im Gefängnis; schon 1924 tauchte er als Leiter einer Filiale des Verlages der Jugendinternationale in Wien auf. Den zweiten Konflikt mit den Sicherheitsorganen hatte er in Moskau, wohin er 1931 emigriert war. Stalins Geheimpolizisten verhafteten den stellvertretenden Verlagsleiter im Jahre 1941 und schafften ihn nach Sibirien. In die sowjetische Hauptstadt kehrte er 1942 zurück, irgendeiner der deutschen Genossen – wahrscheinlich Ulbricht – empfahl ihn dem Moskauer Radiokomitee als Übersetzer. Dort diente er der antifaschistischen Propaganda, bis er 1947 wieder deutschen Boden betrat.

Erich Wendt gehörte nicht zu den lautstarken Agitatoren, sein Bereich war die Stille der Bibliotheken und der Buchhandlungen. Im persönlichen Umgang war er stets um den anderen besorgt. Der Westberliner Unterhändler Korber hat das an vielen Verhandlungstagen erlebt: wie Wendt ihm den Platz mit dem Rücken zum Fenster einräumte, wie er ihn nach seinen Kindern fragte und wie er gelegentlich von dem unerfüllten Wunsch nach eigenen Kindern sprach. "Nun", so sagte er einmal, "muß ich mich damit begnügen, den Kindern der anderen Freude zu bereiten."