Zwei Millionen Aktionäre gibt es gegenwärtig in der Bundesrepublik; einige hunderttausend werden vielleicht in den nachsten Wochen durch die Privatisierung der VEBA hinzukommen. Das ist eine wirtschaftlich wie sozialpolitisch gleichermaßen erfreuliche Entwicklung: Das Eigentum an den Produktionsmitteln verteilt sich auf immer mehr Menschen.

Der Grad der "Demokratisierung der Wirtschaft" läßt sich allerdings nicht einfach an der Zahl der Aktionäre ablesen; man muß dabei auch die Rechte berücksichtigen, die von den Aktienbesitzern als Eigentümer ausgeübt werden können. In – dieser Hinsicht liegt die Bundesrepublik noch weit zurück; sie hat als Erbe des Dritten Reiches ein völlig auf die Vorherrschaft des Managements abgestelltes Aktienrecht übernommen.

Die Tage dieses autoritären Aktienrechts sind nun gezählt; der Bundestag wird in der nächsten Woche wohl endgültig die große Aktienrechtsreform verabschieden. In der Bundesrepublik wird dann von 1967 an ein besseres Aktienrecht Gültigkeit haben – allerdings kein so modernes, wie man es sich wünscht.

Viele praktische Aufgaben blieben ungelöst. Der Unfug der Nennwert-Notierung der Aktien (für Laien eine Quelle von Irrtümern) wurde nicht beseitigt, die Mehrstimmrechtsaktien (die ein Zwei-Klassen-Recht schaffen) werden weiterbestehen, die Verpflichtung, Beteiligung an anderen Unternehmen bekannt zu geben, wurde aufgeweicht. Andererseits hat man in dem berechtigten. Bestreben, mit der Unsitte der stillen (also verheimlichten) Reserven aufzuräumen, nun die Bildung von Rücklagen überhaupt zu sehr erschwert. Das neue Gesetz ist in der Form, die es im Rechtsausschuß erhalten hat, ein unbefriedigender Kompromiß zwischen Reaktionären und Romantikern.

Die reaktionären Kräfte haben zum Beispiel verhindert, daß das neue Konzernrecht auf alle Großunternehmen ausgedehnt wird, ganz gleich, in welcher Rechtsform sie geführt werden. Dabei ist wirklich nicht einzusehen, warum sich ein Unternehmen mit 500 Millionen oder gar mehr als 1 Milliarde Mark Umsatz und 10 000 oder mehr Beschäftigten der Verpflichtung zur Publizität entziehen darf – obwohl von seinen Entscheidungen das Schicksal der Volkswirtschaft mitbestimmt wird.

Umgekehrt konnten die Romantiker einen Sieg verbuchen, als in das Gesetz die Bestimmung aufgenommen wurde, daß sich die Banken in Zukunft keine Generalvollmacht mehr geben lassen dürfen, sondern vor jeder Hauptversammlung noch einmal den Aktionär brieflich um Weisungen bitten müssen. Jeder Praktiker wird wissen, daß die meisten dieser Anfragen ungelesen in den Papierkorb wandern.

Auch das Verbot der Überkreuz-Verflechtung (Hermann Abs darf in Zukunft nicht mehr Aufsichtsratsvorsitzender der BASF sein, wenn gleichzeitig ein Vertreter des BASF-Managements im Aufsichtsrat. der Deutschen Bank sitzt) hat zwar plakative Wirkung, aber wenig praktischen Nutzen. Wenn man dem Eigentümer im Zeitalter des Massenkapitalismus wirklich wieder Einfluß geben will, muß man nach neuen Wegen suchen.