Die Wogen gingen hoch im altehrwürdigen House of Commons. Der Speaker mußte die Abgeordneten mehrfach an die Würde des Hauses erinnern. Am Ende aber siegte Englands Regierungschef Wilson doch: Sein Weißbuch über die Verstaatlichung der Stahlindustrie wurde mit der knappen Mehrheit von vier Stimmen gebilligt. In letzter Minute war es der Regierungsbank doch noch gelungen, zwei Rebellen aus den eigenen Reihen zur Stimmabgabe für den Labour-Vorschlag zu bewegen. Es war nicht die erste Klippe, die Wilson mit knapper Not umschiffte; und es wird auch nicht die letzte gewesen sein.

Ausländische Beobachter wundern sich, mit welcher Hemdsärmeligkeit Wilson, Wirtschaftsminister Brown und Schatzkanzler Callaghan die heißesten wirtschaftspolitischen Eisen anpacken. Unbekümmert um die nur hauchdünne Mehrheit im Parlament peitschen sie so diffizile Projekte wie die Verstaatlichung, Preiskontrollen und Steuererhöhungen durch. Unbekümmert auch um die Reaktion des Auslandes, auf dessen Hilfe Großbritannien noch immer angewiesen ist.

Bis jetzt ist noch alles gutgegangen. Noch ist keiner der Rebellen von den in der Labour Party gewiß weit auseinanderklaffenden Flügeln dem Regierungschef in den Rücken gefallen. Manche Beobachter ziehen daraus den Schluß, daß die Labour Party Neuwahlen scheut, obwohl sie nach den letzten Meinungsumfragen Wilson eine Mehrheit von 100 Stimmen im Unterhaus bringen würde. Denn niemand kann wissen, wie die Kräfteverteilung in einer angeschwollenen Fraktion im Unterhaus dann sein würde. Nach der Zuspitzung der parlamentarischen Kämpfe hält man allerdings Neuwahlen noch im Laufe dieses Jahres nicht mehr für unmöglich.

Wie schmal der Grat ist, auf dem Wilson wandelt, zeigt der Trick, mit dem sein Wirtschaftsminister Brown die beiden Rebellen gewann, die eine hundertprozentige Übernahme der Stahlaktien durch den Staat ablehnen. Brown erklärte wörtlich: "Wir werden vor der Einbringung des Verstaatlichungsgesetzes jede Meinung anhören, auch die der Tories." Den Abgeordneten Waytt und Donnelly genügte diese windelweiche Zusage, um für Wilson zu stimmen.

Wilson hat noch keinen Sieg errungen, wie manche meinen; er hat lediglich Zeit gewonnen. Ob er damit den Bestand seiner Regierung sichern kann, ist mehr als fraglich.

Und neben der Verstaatlichung steht ihm noch eine zweite Kraftprobe bevor. Ende dieses Monats muß Großbritannien den Drei-Milliarden-Dollar-Kredit zurückzahlen, den vor sechs Monaten zwei internationale Organisationen und elf Länder zur Stützung des Pfundes gewährten. Zwar hat England diesen Kredit nur zu einem Teil ausgenutzt – wie man hört, in einer Höhe von 800 Millionen Dollar. Aber auch diesen Teilbetrag kann die Bank of England nicht aus. eigener Kraft zurückzahlen.

Der Internationale Währungsfonds, der sogenannte Club der Zehn, in dem die wichtigsten Industrieländer zusammengeschlossen sind, und die Finanzminister der sechs EWG-Länder müssen noch einmal 1,4 Milliarden Dollar aufbringen, um das Pfund vor der Abwertung zu bewahren. Vor diesem Betrag, der diesmal nicht nur für drei Monate, sondern für drei bis fünf Jahre gewährt wird, muß England zunächst die 800 Millionen Dollar zur Rückzahlung des letzten Kredits abzweigen, so daß ganze 600 Millionen Dollar als eigentlicher Stützungsbetrag übrigbleiben.