...lernt man auch das sowjetische Volk kennen

Von Richard Schmid

George Feifer: "Justice in Moscow"; The Balley Head, London, 353 Seiten, 25 Shilling.

Der Autor, ein junger amerikanischer Jurist, ist ausgezogen, um die alltägliche Gerichtspraxis in der Sowjetunion in unpolitischen Sachen kennenzulernen. Aber er hat nicht nur sie entdeckt, sondern anderes und viel mehr. Er hat eine Anschauung von den Lebensbedingungen und Konflikten gewonnen, unter denen sich das Leben der Moskauer Bevölkerung abspielt und die nicht nur dem Touristen, sondern auch dem politischen Journalisten und dem akademischen Rußlandforscher zu entgehen pflegen. Es ist die alte Erfahrung: Wer ein Volk und seinen sozialen Zustand kennenlernen will, muß dorthin gehen, wo gestraft und gestritten wird. Von den sogenannten dunklen Seiten fällt das meiste Licht auf die wirklichen Zustände. Außerdem lernt man dabei beide Perspektiven kennen: die von oben, vom Staat, von den Richtern, Staatsanwälten und Rechtsanwälten her und die von unten, den Angeklagten, Zeugen und Streitparteien her. Dadurch wird das Bild erst recht plastisch. Das Mittel dazu ist immer die Anschauung des Einzelfalles; und nur an ihm kann man ermessen, welche Grundsätze, Regeln und Gesetze wirklich gelten, was Fassade ist und was sich mit der übermächtigen Realität nicht verträgt.

Feifer ist vorzüglich ausgestattet für dieses Vorhaben. Er hat in Harvard sowjetrussisches Recht studiert und Russisch gelernt, das juristische Studium dann kurze Zeit an der Moskauer Universität fortgesetzt und eines Morgens beschlossen, die juristischen Bücher zuzuklappen und "den Pudding zu kosten, anstatt weiterhin nur immer die Rezepte zu lesen". Dabei entfaltet er ein ungewöhnliches Maß sowohl an Scharfsinn, Auffassungsgabe und Vorurteilslosigkeit wie ein natürliches Wohlwollen und Einfühlungsvermögen gegenüber den Menschen, die er in den Gerichtssälen antrifft, eine seltene Mischung von Sachkunde und menschlicher Wärme. Und nicht zu vergessen: die Gabe, seine Beobachtungen klar, einfach, bis in die letzte Einzelheit glaubwürdig und ohne das Klischee der üblichen Gerichtsberichterstattung darzustellen. Damit erzielt er in einigen von ihm berichteten Fällen beim Leser höchste tragische Spannung.

Gesetzlichkeit

Schon das, was er über die Entwicklung und den Zustand des materiellen Rechts, der Gerichtsverfassung und des Strafprozesses bringt, ist von hohem Interesse. Da er aus dem angelsächsischen Recht herkommt, mußte er zuerst ein doppeltes Vorurteil überwinden: einmal gegen die aktivuntersuchende Rolle des Richters und weiter dagegen, daß nicht so sehr die Tat, als der Täter mit seiner Vergangenheit, seiner Arbeit im Betrieb, seinen sozialen Umständen erforscht wird. Er bemerkt aber mit Recht, daß beides keine sowjetrussische Eigentümlichkeit ist, nicht sozialistisch und nicht diktatorisch, sondern eben der Rechtsentwicklung des europäischen Kontinents entspricht, an die sich die Sowjetunion nach dem ersten großen Bruch mit dem Recht der bürgerlichen Staaten und verschiedenen Schwankungen nun wieder angeschlossen hat. Nach dem Tode Stalins haben sich der Sinn und das Bedürfnis für Gesetzlichkeit wieder stark geregt. Nicht mehr ist vom "Absterben" des Staats und seiner Gesetze die Rede, sondern im Gegenteil davon, daß die Gesetzlichkeit erst unter dem Sozialismus zu voller Entfaltung und Blüte komme.