/ Von Robert Jungk

Weitsicht in eigener Sache scheint nicht gerade die Stärke der Wissenschaftler zu sein, die sich mit der Zukunft beschäftigen. "Daß so viele Eingeladene auch wirklich kommen würden, konnten wir doch nicht voraussehen", erklärte Professor Postan, ein hervorragender Wirtschaftsgeschichtler der Universität Cambridge und Mitglied des Conseil de Futuribles auf der Konferenz über die "Zukunft der politischen Institutionen", die jüngst in Paris stattfand.

Bertrand de Jouvenel, der vor vier Jahren erst damit begonnen hat, mit Hilfe von Wissenschaftlern aus der Schweiz, England, Frankreich und den USA systematisch die Möglichkeiten der Zukunft zu erforschen, war überrascht, wie rasch seine Bemühungen, denen man zunächst mit mildem Spott begegnet war, Beachtung und Achtung gefunden haben. Galt 1962 noch die Teilnahme an den Arbeiten der Zukunftsforscher bei so manchen Gelehrten als "gefährlich für den wissenschaftlichen Ruf", so erfreut sich heute der Umgang mit der "Welt von morgen" an Hochschulen und in Ministerien einer Popularität, die schon fast übers Ziel hinausschießt. Die Zukunftswissenschaftler befürchten, daß ihr noch junger und in seinen Methoden und Möglichkeiten durchaus nicht sicherer Forschungszweig zu große Erwartungen weckt und dann vielleicht, wenn er manche dieser Erwartungen nicht erfüllt, voreilig verworfen wird.

Warnposten für den Staat

Die interessantesten Debatten entwickelten sich in Paris um die Frage der "Look-out Agencies". Aussichtswarten, die in einer Zeit immer rascheren Wandels versuchen sollen, künftige Gefahren und Gelegenheiten frühzeitig zu erkennen. Mit ihrer Hilfe sollen die Lenker des "Staatsschiffes" – ein Teilnehmer meinte, eigentlich müßte man beim heutigen Tempo von einer "Staatsrakete" sprechen – den bestmöglichen Kurs steuern.

Frankreich hat als erste Nation im nichtkommunistischen Teil Europas schon praktische Erfahrung auf diesem Gebiet. Im Rahmen des Commissariat au Plan, das immerhin schon bald zwanzig Jahre lang arbeitet, sind zahlreiche kurzfristige und mittelfristige Prognosen versucht worden. Außerdem hat die Regierung 1963 ein Team von zwanzig ausgesuchten Leuten damit beauftragt, den über die nächsten Pläne hinausreichenden Horizont zu erkunden. Bezugsjahr für diese Beratungen war 1985 – weit genug von der Gegenwart entfernt, um ein durch aktuelle Interessen und Rivalitäten einigermaßen ungestörtes Denken zu erlauben, und doch noch nah genug, um nicht völlig im Nebel der Ungewißheit zu verschwimmen. Diese Vorausschau ist Ende 1964 unter dem Titel "Reflexions pour 1985" veröffentlicht worden und hat – besonders auf der Linken – mehr Kritik als Beifall gefunden. Die Arbeitsgruppe hat nämlich die meisten strittigen gesellschaftspolitischen Probleme, wie Besitzverteilung, Rüstung, Arbeitsdauer, Lastenverteilung nicht angepackt. Die vorherrschenden Strukturen der Gegenwart wurden nicht in Frage gestellt, was zweifellos damit zu tun hat, daß der Auftrag von der Regierung kam.

Der Idealfall ist dies zweifellos nicht; cenn Objektivität und wissenschaftliche Radikalität kommen ja schließlich auch dem Auftraggeber zugute. Fehlt diese Objektivität, so wird der Auftraggeber irregeführt. So hat zum Beispiel eine staatliche Stelle in Frankreich, die über die Entwicklung auf dem Konsumgütermarkt zu berichten hatte, falsche Voraussagen gemacht, weil sie es sich nicht gestattete, eine damals noch als politisch unerträglich empfundene Tatsache – nämlich, daß die aus Algerien zurückgewanderten algerischen Siedler für immer in Frankreich blieben – in ihre Prognose einzubeziehen.