Von Ernst Fischer

...Ich streiche das Unnötige Das Nötige wird deutlich Die Welt streicht Das Nötige Das Unnötige wird verschwommen...

Solch ein Gegengewicht der Dichtung gegen eine verdüsterte Welt hat Erich Fried dem Unheil und der Angst abgenötigt –

Erich Fried: "Warngedichte"; Carl Hanser Verlag, München; 128 S., 12,80 DM.

Seine "Warngedichte" sind Angstgedichte. Wer solche Angst nicht kennt, solche Beklommenheit, vermag kein Dichter zu sein in einer Welt, in der Vergangenes auf uns zukommt, als sei es das Künftige. Asche ist furchtlos." Die vergast, verbrannt, verascht sind, haben keine Angst mehr, und die mit dem Feuer spielen und neuen Brand nicht scheuen, verdammen Angst als würdelos; Undeutlichkeit, so wünschen sie, verhülle die Führer und Befehlsvollstrecker, deren Vergehn so maßlos war, daß es nie zur Vergangenheit wird.

Warngedichte sind unerwünscht. Sie sind es um so mehr, wenn sie keiner politischen Partei, keiner wohlgeordneten Ideologie verpflichtet sind, wenn sie nicht Angst vor der Angst haben, wenn sie beunruhigen, ohne flugs das rettende Medikament anzubieten. Erich Fried wagt es, verzweifelt zu sein und dieser Verzweiflung ein "Dennoch!" der Hoffnung ohne Illusion entgegenzusetzen.

Seine Dichtung ist Gegengewicht gegen eine Welt, die das Nötige streicht, und gegen eine Sprache, die Wort und Ding entzweit. In einer industrialisierten, kommerzialisierten, bürokratisierten Welt war die Sprache, zu Markte getragen, zum Mittel des Tausches und der Täuschung geworden. Wörter wie "Freiheit", "Gerechtigkeit", "Humanität" hatten so vielfach den Sinn gewechselt, waren so sehr dem Mißbrauch preisgegeben, daß der zu oft Geprellte in jedem Wort Entwirklichung vermutete und an jeglicher Wirklichkeit hinter dem Zeichen zu zweifeln begann.