Es gibt Berufskrankheiten, die kein Versicherungsverzeichnis aufführt. Dem Lehrer sagt man nach, daß er infolge lebenslänglichen Umgangs mit geistig Unterlegenen auch außerberuflich mitunter zur Besserwisserei neige, und welche Meinung mein Zahnarzt von dem Mut seiner Mitmenschen hegt, kann ich nur deshalb nicht angeben, weil mich angesichts der voraussehbaren Auskunft ein natürliches Schamgefühl davon abhält, ihn danach zu fragen.

Verliert man diesen Hintergrund nicht aus den Augen, so kann es niemanden verdrießen, wenn ich jetzt darauf zu sprechen komme, daß ähnliches auch für den ärztlichen Stand gilt. Hier kam der tägliche Umgang mit Hilflosen und Trostbedürftigen gelegentlich über die branchenspezifische Haltung permanenten Wohlwollens hinaus bis zu jener Jovialität führen, deren verbreitetste Variante an einer überdurchschnittlichen Neigung zum Schulterklopfen leicht zu erkennen ist. Es gibt jedoch, weit weniger bekannt, auch eine sehr viel differenziertere Verlaufsform, Folge und Ausdruck eines nahezu schrankenlosen Überwucherns jener ärztlichen Hilfsbereitschaft, die legitim und lobenswert zu nennen ist, so lange sie sich auf die medizinische Sphäre beschränkt.

An diese Zusammenhänge wird man erinnert, wem man sich in

H. Kenter und H. W. Knipping: "Asien – Begegnungen durch Kunst und Medizin"; "Heilkunst und Kunstwerk" 2, F. K. Schattauer-Verlag, Stuttgart; 155 S., 28,50 DM

vertieft, ein Buch über Asien, dessen beide Autoren Ärzte sind. Erscheint der Vorsatz – auf knappstem Raum eine Abhandlung über die Begehungen zwischen asiatischer Kunst und Heilkunde zu geben – auf den ersten Blick von atemberaubender Kühnheit, so entlarvt schon der zweite den Titel als ein Understatement grandiosen Ausmaßes. Den gerade eben 90 Textseiten stehen neben 45 ganzseitigen Abbildungen ein Namensregister von 4 Seiten und nicht weniger als 280 bibliographische Angaben gegenüber. Sollte es den Redakteuren von Readers’ Digest jemals gelingen, "Joseph und seine Brüder" auf Reclam-Format zu bringen – ein Blick in das hier besprochene Werk könnte sie davor bewahren, darob in Hochmut zu verfallen.

Asien allein genügt dem Bildungsehrgeiz der Autoren thematisch bei weitem nicht. Von Aristoteles über Augustinus, Bach, Beethoven und Churchill kommt bis zu Schopenhauer, Schelsky und Zeus jeder, der Rang und Namen hat, auch wenn er nicht der asiatischen, sondern der abendländischen Geistesgeschichte angehört, wenigstens einmal vor. Japan und Korea, Ceylon und der Iran werden ebenso behandelt wie die allgemeinen religiösen Bedingungen des menschlichen Lebens überhaupt, die Relativitätstheorie und die busenfreie Mode des letzten Sommers. Daß es bei einer solchen, dem Geiste unserer Neckermann-Epoche in verblüffender Weise kongenialen Rekordleistung dann aus allen möglichen – und keineswegs nur räumlichen – Gründen natürlich meist nur noch zur lakonischen Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen reichen kann, erstaunt viel weniger als die Tatsache, daß das Ganze verführerisch leicht lesbar geworden ist. Die Ideale der Autoren übrigens sind von der besten Qualität, und auch an gutem Willen herrscht kein Mangel. Aber ach, wenn guter Wille allein schon genügte, wir wären alle längst ein Volk von Ostermarschierern!

Hoimar v. Ditfurth