Liebe Tochter,

ich finde James Bond zum K ... Indessen, Du hast recht, man muß Goldfinger gesehen haben, wenn man "mit der Zeit gehen" will. (Mehr und mehr frage ich mich allerdings, ob ich will, ob ich wollen sollte.)

Erinnerst Du Dich an die Badezimmer-Szene gleich am Anfang? "007" umarmt eine nackte junge Dame – so weit, so gut. Plötzlich sieht er, auf der Iris des Mädchenauges gespiegelt, wie ein Kerl ihm von hinten an den Kragen will. Keilerei, "007" boxt den Angreifer in die volle Badewanne, wirft irgendein Teufelsding nach, und der Bösewicht ist tot. Bond zieht weißes Dinner-Jackett glatt, wirft verachtungsvollen Blick auf kauerndes Mädchen, verläßt mit einem lässigen "Widerlich!" auf den Lippen den Ort der Handlung.

Recht ähnlich, nur ohne Dinner-Jackett, verließ ich Krähwinkels Lichtburg. Widerlich – in der Tat. Solche perfektionierten Brutalitäten in Farbe und auf Breitwand erobern also unsere gute alte westliche Welt. Sogar unser Gränzbote wußte aus London zu berichten, daß Sean Connery mehr Devisen einbringe als selbst die Beatles. Und die sollen so viel umgesetzt haben wie die Firma Krupp in einem vergleichbaren Zeitraum. Big deal, traun fürwahr.

Als Film, technisch, scheint mir Goldfinger raffiniert, teilweise großartig gemacht. Ian Flemings Krimi wird mit science fiction so herausgeputzt, daß mir manchmal der Atem stockt. Die scheinen auch wirklich in Fort Knox Dreherlaubnis gehabt zu haben. Goldbarren in so vielen Etagen ...

Aber ich komme nicht los von dem Spiegelbild des Mörders im Auge der Geliebten. Das ist als optischer Einfall brillant und photographisch eine Meisterleistung. Gleichzeitig ist es entlarvend für den Ungeist des ganzen Bond-Rummels. Welcher Mann würde im Augenblick eine: Umarmung die Reflexe auf der Oberfläche des Auges der Geliebten wahrnehmen, ja bewußt beobachten? Bond ist der Super-Mann, der Held einer total entseelten Welt, und es ist nichts als ein mieser Trick, daß er als Polizist "die Kriminellen" bekämpft (und natürlich besiegt).

Dieser Trick soll die Moral von der Geschieht’ sein, aber sie hat keine. Bond ist aus dem gleichen Stoff wie Goldfinger, sie brauchen einander, sind einander, wert, und das ganze Spiel kitzelt die Nerven einer Menschheit, die sich in die Unmenschlichkeit verliebt hat. Wie sagt Bond, nachdem er den Taucheranzug abgestreift, die Fabrikanlage gesprengt und einen Drink genommen hat? Mit Blick auf die Leuchtziffern seiner Präzisionsuhr: "In einer Stunde geht meine Maschine; vorher habe ich noch eine Kleinigkeit ‚zu erledigen‘." Die Kleinigkeit ist die nackte junge Dame im Bad. Good luck, 007. Widerlich.