Bukarest, im Mai

Rakenten, die deutsche und rumänische Fahnen vom heißen Frühsommerhimmel niederschweben, ließen, waren am Dienstag der pyrotechnische Knalleffekt, den sich die Veranstalter zur Eröffnung der technischen Ausstellung der bundesdeutschen Industrie – der ersten dieser Art in Osteuropa – ausgedacht hatten. Für den politischen Knalleffekt, der freilich weniger Echo auslöste, hatte kurz vorher mit ruhiger Stimme und kultivierten Sätzen Staatssekretär Lahr vom Auswärtigen Amt gesorgt.

Zum erstenmal ließ die Bundesregierung einen so hohen Beamten, ausgestattet mit einer Grußbotschaft des Kanzlers, in einer osteuropäischen Hauptstadt öffentlich sprechen. Und was Lahr in Anwesenheit des rumänischen Außenhandelsministers Petri sagte, klang weniger nach technischer Ausstellung als nach politischer Geste. Es begann mit der Erinnerung an gegenseitigen Beistand "in Gefahren, die Europa bedrohten", an das Bewußtsein, als Europäer zueinander zu gehören. Daß man im Zweiten Weltkrieg "letztlich" auf verschiedenen Seiten gekämpft habe, sei nicht Feindschaft, sondern die "Macht divergierender Interessen" gewesen. Elegant, wiewohl nicht ganz überzeugend, huschte Lahr auch über das hinweg, was er Relikte des Krieges nannte – "mögen diese auch gerade in der erzwungenen Teilung unseres Volkes für die deutsche Nation nicht hinnehmbar sein".

Die deutsche Ausstellung pries Lahr als Brückenschlag, Meilenstein, Zeichen europäischer Gemeinschaft; er zögerte auch nicht, von der Bewunderung für den rumänischen Aufbau zu sprechen – ein Kompliment, das bisher noch keine kommunistische Regierung aus Bonn erhalten hatte. Regen Austausch von Künstlern, Studenten und Touristen wünscht die Bundesregierung, sagte Lahr (woraus man schließen sollte, daß das Bonner Innenministerium Rumänien künftig weniger lange auf Visa warten läßt). Und schließlich vernahm man aus dem Munde des Staatssekretärs sogar ein Bekenntnis zur Koexistenz: daß man auch unter verschiedenen sozialen und politischen Systemen "miteinander leben und einander helfen" kann.

Die Rumänen waren überrascht, wie perfekt die deutsche Industrie die Gelegenheit ergriff, ihre Pracht vorzuführen. Über 400 Großfirmen stellen zwei Wochen lang aus. Es ist die größte industrielle Schau des Auslandes, die in Bukarest jemals zu sehen war. Die Menschen strömen in Scharen herbei, auch zu den 111 technischen Vorträgen und 120 Filmen, die vorgeführt werden. 40 Millionen Mark ließ es sich die deutsche Industrie kosten, eine halbe Million der Bund.

Daß all das die Nerven des DDR-Botschafters in Bukarest strapaziert, kann man begreifen. Die Ansprache Lahrs dürfte ein übriges getan haben. Aber bei manchem Rumänen wurde auch Unbehagen spürbar. Gewiß stehen die Chancen der Bonner Ostpolitik nirgendwo so günstig wie in Bukarest. Es liegt weit genug entfernt und ist heute eigenständig genug, um gelassen und interessiert nach Westdeutschland zu blicken. Doch bei allem Entgegenkommen, das man als Westdeutscher in Bukarest spürte, war auch eine leise Verwirrung zu entdecken, weil die Bundesdeutschen mit der Tür, die so lange verriegelt war, jetzt fast ins Haus fallen. Hansjakob Stehle