Von Arnold Metzger

Vor ein paar Wochen wurden mir "Verse aus Theresienstadt" zugesandt, auf Papierfetzen im Lager gekritzelt. Gertrud Kantorowicz hat sie geschrieben, die Freundin von Simmel und Stefan George, von Beruf Kunsthistorikerin, eine deutsche Frau, eine jüdische Frau. Sie wurde, schon in hohem Alter, auf der Flucht ergriffen, verwundet, nach Theresienstadt geschleppt und kam dort nach unsäglichen Leiden um. Durch ihre Verse geht in nimmer aufhörender Schwermut ein Gedanke: was ist mit Deutschland geschehen? Ist das noch Deutschland? Und dann die bange Frage, die Deutsche und Juden gleichermaßen, noch heute nach 20 Jahren, bewegt und nicht losläßt: Besteht eine innere Beziehung zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem Deutschland, das die große Philosophie und Kunst hervorgebracht hat? Welches ist dann die Beziehung? Wo liegt die Stelle der Beziehung?

Die Frage ist noch heute kaum durchdacht. Ich möchte sie im Zusammenhang mit dem besonderen Verhältnis stellen, das zwischen Juden und Deutschen bestand, ehe Hitler es zerbrach.

Zwischen Juden und Deutschen bestand eine eigentümliche, ja einzigartige, in kaum einem Lande außer Deutschland innerlich verwurzelte, ich darf sagen: geistige Beziehung. Ich möchte von der Liebe der Juden zu den Deutschen sprechen. Sie geht durch die Geschichte.und lebt, wie ich glaube, noch heute, auch wenn wir es noch kaum auszusprechen wagen, über das Ungeheuerliche hinaus, das den Juden von den Deutschen angetan wurde.

Herr Dr. Adler hat in einem seiner Bücher Zeugen dieser deutsch-jüdischen Einheit angeführt. Er spricht von einer Symbiose beider Völker und zitiert Männer, wie den Nationalökonomen Franz Oppenheimer, den Marburger Professor Hermann Cohen und den in unserem Lande wohlbekannten Martin Buber einen seines jüdischen Volkstums bewußten Juden, der gerade aus seinem jüdischen Nationalbewußtsein, das wir heute ausgeprägt in Israel finden, die Verbindung mit dem Deutschtum immer gesucht hat und, wie ich glaube, heute wieder sucht.

Deutschland war für die Juden der ganzen Welt, nicht nur für die deutschen Juden, das Land von Kant und Goethe, um nur diese beiden zu nennen. In der Tat: vielleicht keine Nation hat der Welt edlere Apostel der Humanität geschenkt. Niemand hat die Idee der Humanität so großartig, so jenseits von aller nationalen Bindung verherrlicht wie Lessing und Herder. Lessing sagt: "Der gute Ruf eines Patrioten ist das Letzte, was ich mir wünschte, wenn der Patriotismus mich lehren sollte, mein Weltbürgertum zu vergessen." Bei Hegel steht in seiner Religionsphilosophie das große Wort: "Wer seine Brust nicht aus dem Treiben des Endlichen heraus ausgeweitet, in der Sehnsucht, Ahndung oder im Gefühl des Ewigen die Erhebung seiner Selbst nicht vollbracht und in den reinen Äther der Seele geschaut hat, der besäße nicht den Stoff, der hier begriffen werden soll."

Es ist dieser Stoff, der in dem Denken, in dem Dichten, in der Musik der Deutschen lebendig ist – es ist dieser Stoff, der ihre Lieder durchdringt, der die Mystik eines Meister Eckhart, die große Philosophie des deutschen Kardinals Nicolaus von Cues, von Jakob Böhme und zumal den deutschen Idealismus von Kant bis Hegel und der schließlich, und nicht zuletzt, Nietzsches einsames Denken bestimmt. Ja, ich möchte sagen: was wir den Wesensgrund des deutschen Gemüts nennen, ist von dieser Sehnsucht nach dem, was alle Bindung an das Alltägliche und das Enge, an das Partikulare und das Provinzielle durchbricht, getragen.