Mister Otto Tiessen ist. optimistisch: Der Direktor des jetzt auf Frankfurts Kaiserstraße eröffneten ersten staatlichen kanadischen Fremdenverkehrsamtes in Europa ließ die Öffentlichkeit wissen, daß in nicht mehr allzu ferner Zeit auch der Durchschnittsbürger mit dem Düsenklipper nach Amerika und Kanada fliegen werde. Die Menschen gingen dann anstatt in den Taunus in die Rocky Mountains, und so bewundernd sie heute den Rheinfall von Schaffhausen betrachten, so staunend stünden sie dann vielleicht vor den Niagara-Fällen. Bis dies soweit sei, meinte der humorvolle Mister Tiessen, schmelze natürlich noch eine Menge Schnee in den Rockys, und es bliebe für ihn und sein Büro noch sehr viel zu tun übrig, vor allem an "Aufklärungsarbeit", aber aufzuhalten sei der Zug der Urlauber in immer weitere Ferne gewiß nicht.

Kanadas Botschafter in der Bundesrepublik, John K. Starnes, teilt den Optimismus seines staatlichen Touristik-Managers. Er erinnerte bei der Eröffnungsfeier an die guten deutsch-kanadischen Beziehungen, an die Million Deutschen, die nach dem Kriege im zweitgrößten Land der Erde eine neue Heimat gefunden hätten, und an die trefflichen Wirtschaftskontakte. Zwischen Atlantik und Pazifik finde der moderne Tourist alles, was er suche: gute Straßen, komfortable Hotels, Seen und unvergleichliche Bergpanoramen. In kaum einem zweiten Land seien die Reviere der Jäger so unerschöpflich. Kanada biete pulsierendes Großstadtleben und die Ruhe der endlosen Wälder.

Mittlerweile hat Otto Tiessen seine Werbefanfaren bereitgelegt. Sie werden zur Hauptsache auf den europäischen Kontinent gerichtet sein, denn die Gäste aus den benachbarten USA sind seinem Lande ohnehin sicher. Umgerechnet 2,4 Milliarden Mark flossen 1964 in die Kassen der Transportunternehmen und der Hoteliers. Von europäischen Touristen wurden davon 264 Millionen Mark ausgegeben. In diesem Jahr will man natürlich mit einer noch weit günstigeren Bilanz aufwarten. 1967 schließlich, zum 100. Jahrestag der kanadischen Konförderation und zur Eröffnung der Weltausstellung in Montreal, will man die Einnahmen aus dem Touristenstrom auf 3,7 Milliarden Mark gesteigert haben. Bis dahin soll Kanada als das Ziel europäischer Fernwehsehnsüchte in das Gedächtnis aller Urlaubsfahrer zwischen Garmisch und Flensburg eingehämmert worden sein. Mister Tiessen ist davon überzeugt, daß ihm diese Aufgabe nicht einmal so schwer fallen wird, denn er hält immerhin einige Trümpfe in der Hand, die andere Konkurrenten leicht aus dem Felde schlagen können.

Er zählt sie auf mit dem Lächeln des erfolgreichen Businessman: Kanadas Weite übersteige die engen Dimensionen europäischen Denkvermögens. Quebec, eine der elf Provinzen des Landes, sei allein so groß wie England, Frankreich und die Bundesrepublik zusammen. Entfernungen wie diese würden überbrückt durch ein nahezu perfektes Verkehrsnetz, durch Eisenbahnen, die zu den komfortabelsten der Welt gehören, durch ein dichtes Flugnetz und nicht zuletzt durch die längste Überlandstraße der Welt, den Trans-Canada-Highway, einer Straße von 8000 Kilometern Länge. In den Zügen gebe es Sightseeing-Wagen und luxuriös eingerichtete Gesellschaftsräume, ja sogar Spielwagen für die Kinder. Dabei seien die Tarife ausgesprochen günstig. Europäische Touristen könnten ein 90-Dollar-Ticket kaufen, mit dem sie 30 Tage lang unbeschränkt durch das Land reisen dürfen. Camping in großzügig angelegten Parks am Straßenrand und auf Picknickplätzen, Drive-in-Restaurants, die Benzin zur Hälfte des in Europa üblichen Preises anbieten, gehörten zu den Annehmlichkeiten einer Reise über den Highway, der an verträumten Wäldern und Seen, stillen Dörfern, eleganten Ortschaften und geschäftigen Großstädten vorbeiführt.

Luxuriöse Ferienorte seien über das ganze Land verteilt. Zu den gerühmtesten Feriengebieten gehörten die Muskoka-Seen in der kanadischen Provinz Ontario, die Laurentian Mountains in Quebec und die einzigartigen Nationalparks in den Rocky Mountains in der Provinz Alberta. Die Stadt Quebec verbinde Tradition und Fortschritt. Die engen Straßen, überragt von der Zitadelle über dem St. Lorenz-Strom, waren einst Schauplätze der Kämpfe zwischen Franzosen und Engländern um die Vormachtstellung in der Neuen Welt. Doch an den Stadträndern schießen supermoderne Häuser wie Pilze aus der Erde.

Montreal sei – im Gegensatz zu Quebec – eine Stadt, die fast ausschließlich die Akzente unserer Zeit trägt. Mit ihren drei Universitäten und einem Kunstzentrum stelle sie den geistigen und kulturellen Mittelpunkt Kanadas dar. Montreal sei die Stadt mit dem größten französischsprechenden Bevölkerungsteil in der Welt nach Paris, und es sei die Metropole, wenn auch nicht die Hauptstadt Kanadas.

Den Spuren der Vergangenheit begegne man überall im Land. Alljährlich lockten in den zahlreichen indianischen Reservaten Festspiele Tausende Besucher. Die bedeutendsten Spiele seien die Calgary-Stampedes. Jedes Jahr im Juli kommen Cowboys aus allen Teilen des Landes und aus den USA nach Calgary. Das Ringen mit jungen Ochsen, das Einfangen von Kälbern sowie Ritte auf wilden Stieren und Pferden gehören zum Tagesprogramm. Für dieses Jahr werde der Präsident der Vereinigten Staaten als Besucher erwartet.