Arnulf Baring: Der 17. Juni 1953; Verlag Kiepenheuer & Witsch; 185 Seiten, 9,80 DM.

Wohl kaum ein Ereignis der Nachkriegsgeschichte hat – in beiden Teilen Deutschlands – eine solche öffentliche Verlegenheit verursacht wie der Juni-Aufstand des Jahres 1953. Legendenbildungen beiderseits der Zonengrenze waren die Folge. So entstand in der Bundesrepublik unmittelbar nach den Unruhen des 16./17. Juni im Zuge des damaligen Wahlkampfes die Mär vom Bekenntnis der Demonstranten zum politischen Konzept der Regierungsparteien, während die Sozialistische Einheitspartei in ihrer Sprachregelung den Aufstand als einen "faschistischen Putsch" hinstellte, der bis in Einzelheiten von westlichen Agenturen geplant worden sei

Der ebenso nüchternen wie sachkundigen Arbeit Arnulf Barings kommt das Verdienst zu, dem von selbstgerechtem Pathos und propagandistischen Nebelschwaden verwirrten Bürger den Weg zu den Tatsachen zu ebnen. Für ihn ist der Juni-Aufstand das genaue Gegenteil eines von außen inszenierten Putsches; eine an ihrer Führungslosigkeit scheiternde, spontane Massenerhebung, die sich nach ihrem eruptiven Ausbruch mehr planlos verlief, als daß sie gewaltsam unterdrückt werden mußte. Führung und Orientierung, die nur aus dem Westen kommen konnten, wurden bewußt verweigert. Konrad Adenauer und Jakob Kaiser ermahnten die Zonenbewohner zur Ruhe.

Als einseitig erweist sich aber auch die betont "westliche" Interpretation der Ereignisse des 17. Juni 1953 angesichts des von Baring geführten Nachweises, daß es die Arbeiter gerade der "roten" Gebiete der DDR, nicht zuletzt auch die der traditionellen kommunistischen Hochburgen Buna und Leuna, waren, die das Bild des Aufstandes wesentlich mitbestimmten. In deutlichem Gegensatz zu den damals gerade von der Bundesregierung bewußt erhobenen Mäximalforderungen in der Wiedervereinigungsfrage (die sofortigen Viermächteverhandlungen über Deutschland kaum förderlich sein konnten) sind auch die begrenzten, aber sehr viel eher realisierbaren Forderungen der Demonstranten zu sehen.

Barings Studie, die sich in erster Linie mit den konkreten Ursachen, Bedingungen und Zielsetzungen des Aufstands selbst befaßt, wird mit einer knappen Darstellung der außenpolitischen Implikationen jener Ereignisse von Richard Löwenthal eingeleitet.

Das Buch erscheint rechtzeitig genug, daß es den Rhetoren des diesjährigen 17. Juni als Pflichtlektüre ans Herz gelegt werden kann.

M. Jänicke