Mancherlei, was während der letzten Wochen in Moskau geschah, läßt sich nur schwer in den "Prozeß der Entstalinisierung" einordnen. Die Kritik an Stalin und am Personenkult (dies ist die ideologische Umschreibung für die Stalinsche Herrschaftsperiode) wurden zwar nicht eingestellt, wohl aber eingeschränkt.

In der Zeitschrift "Fragen der Geschichte der KPdSU", die in den letzten Jahren fast in jeder Nummer Rehabilitierungen von Opfern Stalins veröffentlichte, suchte man während der letzten drei Monate derlei Artikel vergebens. Parteiführer Leonid Breshnew verzichtete in seiner Rede zum zwanzigsten Jahrestag des sowjetischen Sieges über das Hitler-System auf jegliche Kritik an Stalin. Kein Wort davon, daß Stalin im Jahre 1941 alle Warnungen über den bevorstehenden Angriff Hitlers in den Wind geschlagen und damit die Niederlagen der Sowjetarmee in den ersten Monaten des Krieges mitverschuldet hatte. Bei der Schilderung des Kriegsbeginns 1941 erklärte Breshnew vielmehr wörtlich: "Es wurde das Staatliche Verteidigungskomitee mit dem Generalsekretär des ZK der KPdSU J. W. Stalin an der Spitze gebildet, das alle Organisationen zur Abwehr des Feindes leitete."

Die Tatsache, daß in sowjetischen Filmtheatern gleichzeitig ein Dokumentarfilm gezeigt wurde, in dem nach vielen Jahren erstmals wieder – und zwar dreimal – Stalin "positiv" gezeigt wurde, verstärkt den Eindruck, daß die gegenwärtige Sowjetführung – wiewohl vorsichtig und zurückhaltend – eine gewisse Akzentverschiebung in der Bewertung Stalins vornimmt. Es ist daher sicher auch nicht zufällig, daß das von Chruschtschow auf dem 22. Parteitag im Oktober 1961 angekündigte Mahnmal für die Opfer des Stalinismus bis heute nicht nur nicht errichtet worden ist, sondern überhaupt nicht mehr erwähnt wird.

Sicherlich ist es übertrieben, von einer "Rehabilitierung" Stalins zu sprechen, aber offensichtlich ist es auch, daß die neue Führung zumindest versucht, die Kritik an Stalin vorsichtig zu dosieren. Diese Akzentverschiebung hat einen innenpolitischen und einen internationalen Aspekt.

Innenpolitisch ist die neue Sowjetführung bestrebt, die leidige und nicht ungefährliche "Stalin-Frage" zeitweilig "auszuklammern", um neue Diskussionen über Stalin und die Stalinsche Vergangenheit zu vermeiden. Dies entspricht voll und ganz der gegenwärtigen Politik der neuen Sowjetführung, die alle vom Standpunkt der Führung "unnötigen" Kontroversen entweder völlig zu umgeben oder in möglichst neutraler Form zu behandeln sucht.

So fällt es auf, daß gewisse Formeln in letzter Zeit nur noch selten in der sowjetischen Presse zu finden sind, zum Beispiel "Personenkult" (Umschreibung für Stalinsche Terrorherrschaft), "Dogmatismus" (ideologische Formel für die Pekinger Richtung) und "Revisionismus (Bemühen um eine Liberalisierung des Systems). Statt dessen verspricht die Führung immer wieder, sie werde ihre Politik auf "objektive Gesetzmäßigkeiten" und eine "nüchterne Analyse" gründen und dabei solche Abweichungen wie "Subjektivismus", "phantastische Plänemacherei", "willkürliche Improvisation" und "Selbstherrlichkeit" vermeiden – Erklärungen, die bedeutend unverbindlicher sind und weit weniger politische Aussagekraft besitzen als eine klare eindeutige Stellungnahme zu den entscheidenden Fragen des Personenkults, des Dogmatismus und Revisionismus.

Die neuen Männer im Kreml sind – vielleicht im Blick auf den bevorstehenden 23. Parteitag, der, laut Statut, spätestens im Herbst dieses Jahreseinberufen werden muß – geradezu ängstlich darum bemüht, alle heiklen Auseinandersetzungen zu vermeiden. Ähnlich wie eine westliche Regierung vor Parlamentswahlen, versuchen sie, mit den verschiedenen nach Autonomie und Einfluß drängenden Kräften Kompromisse zu schließen und ihnen kleine politische Geschenke zu machen.