Funk

RADIO BREMEN

Sonnabend, 15. Mai, der Funkessay:

Als Salomo Friedländer, 75jährig, sechzehn Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in Paris verschied, hatte er es durch ein Emigrantenleben in vollkommener Zurückgezogenheit vermocht, ein zweites Mal den braunen Terror zu überleben. Friedländer, geboren 1871 in der Provinz Posen, lebte nach dem Studium der Medizin und der Philosophie bis 1933 als freier Schriftsteller in Berlin. Er war besessener Kantianer und hatte sich des transzendentalen Freiheitsbegriffs des Königsbergers als "Aktivdemonstration" bemächtigt, auch in seiner Lebensführung. Neben mehreren Bänden Satiren und Grotesken, die er mit "Mynona" (dem Anagramm von anonym) zeichnete, hinterließ er sein Lieblingswerk "Schöpferische Indifferenz" (1918).

Seine ehrliche Selbstanalyse ist aktuell: "Ich suchte das Metaphysische physikalisch oder ästhetisch. In der religiös-ethischen Haltung war ich Skeptiker, Atheist, Libertin." Auf diesen vielseitigen und zwiespältigen Geist wieder hingewiesen zu haben, ist das Verdienst Hans Daibers. Er fand eine Kurzbiographie Friedländer-Mynonas in einer Anthologie aus dem Jahre 1921, die unveröffentlicht im Schiller-National-Museum Marbach liegt. Dort befindet sich Friedländer in der guten Gesellschaft von Protagonisten des Expressionismus. Die gebotene Konzentration der Anordnung und der Formulierungen hat in dem ergiebigen Verlauf der Sendereihe "Rette sich, wer kann" (Bremen II) Lichter auf viele geworfen, die 1921 jung und verheißend waren und für die das Jahr 1933 zum bitteren Problem äußerer und innerer Existenzerhaltung wurde. Willi A. Koch