George Brown: der unbequeme zweite Mann der Labour Party

London, im Mai

Englands Labour Party hat letzte Woche bei den Gemeindewahlen Prügel bezogen: Die Konservativen gewannen 711 Sitze dazu, die Sozialisten verloren 471 Mandate. Danach gab es für viele Briten keinen Zweifel mehr, daß George Brown, der Wirtschaftsminister und Vizepremier, von Wilson zum Sündenbock gestempelt werde. Schließlich war es Brown gewesen, der vor zwei Wochen in der Parlamentsdebatte über die Verstaatlichung der Stahlindustrie den Eindruck erweckt hatte, die Regierung wisse nicht recht, was sie eigentlich wolle. In den letzten Sekunden seiner Rede überraschte er das Unterhaus mit dem Angebot, er sei bereit, sich die Gegenvorschläge der Stahlindustriellen anzuhören.

Es war ein melodramatischer Endspurt. Brown stieß dabei alle vor den Kopf – und so wird ihm jetzt der Popularitätsverlust der Regierungspartei zur Last gelegt. Wieder einmal mag es sich erweisen, daß George Brown ein Stehaufmännchen ist. Aber mit Gewißheit weiß man es diesmal nicht. Hätte Wilson selber den Stahlindustriellen das umstrittene Angebot gemacht, es wäre ihm nicht schwergefallen, die Wogen linksradikaler Proteste zu glätten. Aber bei seinem Stellvertreter war es etwas anderes.

Mit dem Kopf durch die Wand

Mit der ihm eigenen Art, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, hatte Brown von Anbeginn an dafür plädiert, die Verstaatlichung der Stahlindustrie schon in der ersten Parlamentssitzung durchzupauken. Dennoch wäre er der geeignete Mann gewesen, der am ehesten einen Kompromiß aushandeln könnte, mit dem am Ende alle zufrieden sein könnten – die Stahlbosse, die Rebellen auf dem linken Labour-Flügel und sogar die Liberalen. Der Sozialist Brown unterhält schließlich die besten Beziehungen zu den Männern, die in der Wirtschaft an den Schalthebeln sitzen. In seinem Haus versammelt er oft führende Bankiers und Industrielle zu Kolloquien. Auch weist ihn die Politik, die er als Wirtschaftsminister betreibt – Erhöhung der Produktivität bei gleichzeitiger Verhinderung höherer Preise und Löhne – als einen Mann aus, der das alte Vorurteil der Linken über Bord geworfen hat, wonach den Arbeitern schadet, was den Arbeitgebern nützt. So nahm es denn niemanden Wunder, daß die Linken von seinem jüngsten Angebot an die Stahlfabrikanten das Schlimmste befürchteten. Brown hatte sich ja zu Gaitskells Zeiten auch für eine Abschaffung der Verstaatlichungsklausel im Labour-Programm eingesetzt.

Nicht, daß irgend jemand Browns sozialistische Einstellung bezweifeln könnte. Sie ist waschecht. Er war ein Junge von acht Jahren, als er im Wahljahr 1923, mit seinem Vater, einem irischen Lastwagenfahrer, in den Straßen von Southwark Labour-Flugblätter verteilte. Mit 22 Jahren wurde er aus seiner Stellung als Pelzverkäufer bei John Lewis hinausgeworfen. Entlassungsgrund: politischer Radikalismus. So kam er in den Führungsstab jener Transportarbeiter-Gewerkschaft, der er seine Karriere als Politik, verdankt.