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Das Auswärtige Amt, ein Ruhr-Konzern und die seltsame Behandlung eines deutschen Überseekaufmanns

Der Fragebogen ist bei den Behörden der ganzen Welt ein beliebtes Hilfsmittel – auch in Rot-China. Eine der 48 Rubriken eines solchen Formulars, das den China-Deutschen vor etwa zehn Jahren vorgelegt wurde, betraf die Frage nach der Staatsangehörigkeit. Sie wurde von unseren Landsleuten durchweg mit "westdeutsch" beantwortet. Damit jedoch war der Funktionär der Peking-Regierung keineswegs einverstanden: Er strich auf allen Formularen das "westdeutsch" durch und verlangte kategorisch, daß statt dessen "staatenlos" eingetragen, wurde. Als das von allen Betroffenen verweigert wurde, gab es ein langes Hin- und Her, bis schließlich der Obmann der – damals noch rund 80 Köpfe starken – auslandsdeutschen Gruppe es bei den chinesischen Behörden durchsetzte, daß seine Landsleute als Staatsangehörige der Bundesrepublik registriert wurden.

Als Obmann fungierte zu jener Zeit, nämlich seit Ende 1954 (und selbstverständlich mit Billigung der dortigen Behörden) ein bereits seit Jahrzehnten in China ansässiger Überseekaufmann namens Carl Becker. Für ihn ergab sich sehr bald die Notwendigkeit, die Verbindung mit dem "nächsten" deutschen Generalkonsulat – mit dem Amtssitz in Hongkong – aufzunehmen. Der Anlaß hierzu war, daß einige China-Deutsche, die in die Heimat zurückkehren wollten, neue Personaldokumente brauchten, da ihre alten Pässe – mit dem "Hoheitszeichen" des "Dritten Reiches" – von den chinesischen Behörden als ungültig bezeichnet wurden. Mit Beckers Hilfe sind dann etwa 40 Pässe ausgestellt worden; so wurde mehr als 30 Deutschen die Ausreise ermöglicht. (Ausreiseschwierigkeiten ergaben sich nur für jene Ehepaare, bei denen einer der Partner chinesischer Abstammung war.)

Als Spion verhaftet

Es kann als sicher gelten, daß die chinesischen Behörden über die Einschaltung des Obmanns Becker in diese "Paß-Aktion" ebenso unterrichtet waren wie über die sonstigen konsularischen Hilfsdienste, die er – beispielsweise durch Weiterleitung von monatlichen Zahlungen an Altersrentner – fortlaufend geleistet hat. Schließlich konnte es ja auch den chinesischen Behörden nicht verborgen bleiben, daß bundesdeutsche Besucher, die von Hongkong aus nach China einreisten, fast durchweg in Shanghai bei Herrn Becker vorsprachen. Das galt für Amtspersonen und Mitglieder der offiziellen Wirtschaftsdelegation, die 1957 China bereiste, ebenso wie für Journalisten: beispielsweise die stern-Redakteure Held und Gillhausen.

Aber im Mai 1959 wurde Carl Becker als "westdeutscher Spion" in Shanghai verhaftet. In seinem Büro fand man die gesamte im Verlauf von vier Jahren entstandene Korrespondenz mit dem Generalkonsulat Hongkong vor, ordnungsgemäß in Schnellheftern abgelegt: insgesamt etwa 400 Schriftstücke. Doch gerade das galt als ein weiteres Verdachtsmoment, denn nun hieß es, Becker habe das harmlose Material lediglich zur Tarnung seiner "eigentlichen" Tätigkeit als Agent aufgebaut. Die wirklich wichtigen Nachrichten aber seien von ihm durch Kuriere – oder auch über einen Geheimsender – nach Hongkong gegeben worden. Ihm wurde vorgeworfen, er habe, als Geschäftsführer der (ursprünglich schwedischen) Firma Holdo Stromwall, drei chinesische Angestellte der Filiale dieses Hauses in Shanghai veranlaßt, "nach und nach herauszufinden, zu sammeln, zu stehlen beziehungsweise zu erkunden: die Reparatur- und Aufbaupläne der (chinesischen) Eisenbahnen, die Tragfähigkeit der neugebauten Straßenbrücken, die Standorte von Werken der Verteidigungsindustrie ... die Standorte der chemischen Industrie und ihre Kapazitäten, den konkreten Inhalt der von China mit sozialistischen Ländern abgeschlossenen Handelsverträge und schließlich die Ein- und Ausfuhrpläne der industriellen Werke und der Behörden in Shanghai sowie sonstige wirtschaftliche Geheimnisse."

Als "Beweis" für diese – wie es hieß "unter Anleitung der westdeutschen Spionage- und Nachrichtenbehörden" betriebene – "konterrevolutionäre Tätigkeit" diente vor allem das "Geständnis" der drei chinesischen Angestellten der Firma Holdo Stromwall.

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Wie ein solches "Geständnis" zustande kommt, kann man sich unschwer vorstellen, wenn man die Berichte Beckers über seine mehr als 30 Monate dauernde Untersuchungshaft hört oder liest: eingesperrt – zusammen mit einem chinesischen Mithäftling – in einer kaum mannshohen Zelle mit knapp neun Quadratmetern Fläche, ohne Liege- und Sitzgelegenheit, dabei gezwungen, tagsüber auf dem Fußboden zu kauern, weil Stehen und Gehen nur mit besonderer Erlaubnis gestattet war, und dies alles bei völlig unzureichender Ernährung, die zu Beri-Beri führte. Dazu die moralische Belastung durch zermürbende Verhöre unter entwürdigenden Bedingungen, und schließlich die Ankündigung, daß die Untersuchungshaft so lange andauern werde, bis er ein "freiwilliges" Geständnis ablege...

Schließlich unterschrieb Carl Becker das ihm vorgelegte Dokument. Einige Wochen vorher waren die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen noch um einen weiteren Punkt – Devisenvergehen und unerlaubter Besitz von Barrengold – erweitert worden. Ende 1961 wurde er zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren verurteilt. Zusätzlich wurde von ihm ein "Bußgeld" von (umgerechnet) etwas über 300 000 Mark verlangt, wovon nahezu 290 000 Mark durch die Wegnahme seiner in China beschlagnahmten Vermögenswerte abgegolten sein sollten. Sobald der Restbetrag als "Lösegeld" bezahlt sei, so wurde ihm eröffnet, könne er aus der Haft entlassen werden und das Land verlassen.

Im Laufe des Jahres 1962 gelang es Becker, mit Hilfe des Auswärtigen Amtes (über die Zentrale Rechtsschutzstelle) und des Generalkonsulates Hongkong die restlichen Summen aufzubringen, nachdem die Inhaberin der Firma Holdo Stromwall einen Betrag von 28 000 Mark zur Verfügung gestellt hat – freilich (wie sich dann herausstellte) nicht etwa aus Mitteln der Firma, sondern aus einem dort vorhandenen Guthaben Beckers.

Nur ein Armengeld

Um diese 28 000 Mark geht es nun. Carl Becker, der Ende September 1962, damals im 70. Lebensjahr stehend, mit schwer angeschlagener Gesundheit, aus der Haft entlassen worden ist, findet sich damit ab, daß sein gesamter Besitz in China für ihn endgültig verloren ist: ein Vermögen, dessen Wert erheblich höher gewesen sein dürfte als der ihm auf das "Lösegeld" angerechnete Liquidatibnsbetrag von 287 500 Mark. Er lebt heute zusammen mit seiner Frau, die schon einige Jahre früher nach Deutschland zurückgekehrt ist, von einer Sozialhilfe (das ist also das, was früher einmal "Armenunterstützung" hieß) in Höhe von 339 Mark monatlich, wovon 114 Mark für die Miete und 225 Mark für den laufenden Lebensunterhalt bestimmt sind.

Man wird verstehen, daß Becker sich mit Hilfe seines Anwalts überall bemüht hat, die (praktisch von ihm selber verauslagten) 28 000 Mark "Lösegeld" zurückzuerhalten. Da die – mittlerweile in deutsche Hände übergegangene – Firma Holdo Stromwall jetzt, nach dem Tode ihres Inhabers, liquidiert wird und nennenswerte Aktiva nicht mehr vorhanden sind, besteht keine Chance für Becker, sein restliches Provisionsguthaben bei dieser Firma (in Höhe von etwa 15 000 bis 20 000 Mark) ausgezahlt zu erhalten – und erst recht keine Möglichkeit zur Rückerstattung des aus diesem seinen Konto seinerzeit als "Lösegeld" entnommenen Betrages.

Das Auswärtige Amt ist mehrfach auf die Angelegenheit angesprochen worden. Es hat zwar "für das Schicksal des Herrn Becker starkes menschliches Mitgefühl gezeigt", aber erklärt, daß es aus "haushaltlichen Gründen" nicht in der Lage sei, über die bereits aufgewandte Summe hinaus – das ist also der von der Zentralen Rechtschutzstelle und vom Generalkonsulat Hongkong übernommene "Spitzenbetrag" des "Lösegeldes" – noch irgendwelche Mittel beizusteuern. Ebenso blieben alle Bemühungen beim Petitionsausschuß des Bundestages, bei den Bundestagsfraktionen und beim Bundeskanzleramt vergeblich, obwohl nun immerhin ("amtlich") anerkannt worden ist, daß Carl Becker ("mit Billigung der rotchinesischen Behörden") konsularische Hilfsdienste geleistet habe.

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Ergebnislos ist auch ein weiterer Versuch geblieben, eine sehr bedeutende westdeutsche Montanfirma, deren Generalvertretung für China von dem Hause Holdo Stromwall in Shanghai – also praktisch durch Herrn Becker – wahrgenommen worden war, noch nachträglich zu einer Beteiligung an der "Lösegeld"-Summe zu bewegen. Dabei glaubt Herr Becker, daß zum mindesten drei Gründe dafür sprechen, daß eine moralische Verpflichtung hierzu seitens jener Firma anzuerkennen wäre.

Einmal nämlich waren die Bemühungen Beckers, gewisse Details über die Transportwege innerhalb Chinas in Erfahrung zu bringen – Bemühungen, die ihm den Vorwurf der Spionagetätigkeit einbrachten –, dadurch bedingt, daß Liefergeschäfte jener Montanfirma angebahnt werden sollten, wobei es um den Bau eines Stahlwerkes, um Lieferung von rollendem Material, von Kränen, Brücken, Lastkraftwagen, Bootsmotoren und ähnlichen Dingen ging. Weiterhin beruhte der Anklagepunkt "Devisenvergehen" darauf, daß Becker vorgeworfen wurde, er habe die Provision für einen größeren Auftrag, den jene Montanfirma mit der Peking-Regierung abgeschlossen hatte, nicht "ordnungsgemäß" – als Devisen-Eingang – angemeldet. In Wirklichkeit aber ist ihm aus diesem Geschäft überhaupt keine Piovision zugeflossen: und zwar deshalb, weil es "cirekt", das heißt ohne Einschaltung der Generalvertreter-Firma Holdo Stromwall, zwischen einem Direktor des deutschen Konzerns und der chinesischen Regierung abgeschlossen worden war. Eine Klarstellung dieses Sachverhalts durch die Montanfirma scheint nicht erfolgt zu sein; diese Klarstellung hätte – vielleicht! – Herrn Becker für seine Verteidigung vor dem rotchinesischen Gericht von Nutzen sein können ...

Das Wort haben die Richter

Schließlich der dritte Punkt: In einem firmeninternen Bericht, den der Montankonzern über die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in China – im gesamten Konzernbereich – hat zirkulieren lassen, war Becker als "Untergrundkonsul" bezeichnet worden. Diese saloppe und gewiß nicht böswillig gemeinte Formulierung wurde von den rotchinesischen Behörden – denen der Bericht zur Kenntnis gekommen sein dürfte – ja doch wohl als Hinweis auf eine "Untergrundtätigkeit" Beckers aufgefaßt. Offenbar ist Becker erst so in den Verdacht illegaler Machenschaften gekommen; jedenfalls veranlassen manche Vorhaltungen, die ihm während seiner Untersuchungshaft gemacht worden sind, ihn zu diesem Schluß.

Carl Becker glaubt, daß eine Klage gegen die Bundesrepublik, vertreten durch das Auswärtige Amt, ihm helfen könnte. Der Prozeß, bei dem es also um eine Entschädigungsforderung in Höhe der mehrfach erwähnten 28 000 Mark geht, ist zu: Zeit vor dem Landgericht in Bonn anhängig.

Erwin Topf