Wie ein solches "Geständnis" zustande kommt, kann man sich unschwer vorstellen, wenn man die Berichte Beckers über seine mehr als 30 Monate dauernde Untersuchungshaft hört oder liest: eingesperrt – zusammen mit einem chinesischen Mithäftling – in einer kaum mannshohen Zelle mit knapp neun Quadratmetern Fläche, ohne Liege- und Sitzgelegenheit, dabei gezwungen, tagsüber auf dem Fußboden zu kauern, weil Stehen und Gehen nur mit besonderer Erlaubnis gestattet war, und dies alles bei völlig unzureichender Ernährung, die zu Beri-Beri führte. Dazu die moralische Belastung durch zermürbende Verhöre unter entwürdigenden Bedingungen, und schließlich die Ankündigung, daß die Untersuchungshaft so lange andauern werde, bis er ein "freiwilliges" Geständnis ablege...

Schließlich unterschrieb Carl Becker das ihm vorgelegte Dokument. Einige Wochen vorher waren die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen noch um einen weiteren Punkt – Devisenvergehen und unerlaubter Besitz von Barrengold – erweitert worden. Ende 1961 wurde er zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren verurteilt. Zusätzlich wurde von ihm ein "Bußgeld" von (umgerechnet) etwas über 300 000 Mark verlangt, wovon nahezu 290 000 Mark durch die Wegnahme seiner in China beschlagnahmten Vermögenswerte abgegolten sein sollten. Sobald der Restbetrag als "Lösegeld" bezahlt sei, so wurde ihm eröffnet, könne er aus der Haft entlassen werden und das Land verlassen.

Im Laufe des Jahres 1962 gelang es Becker, mit Hilfe des Auswärtigen Amtes (über die Zentrale Rechtsschutzstelle) und des Generalkonsulates Hongkong die restlichen Summen aufzubringen, nachdem die Inhaberin der Firma Holdo Stromwall einen Betrag von 28 000 Mark zur Verfügung gestellt hat – freilich (wie sich dann herausstellte) nicht etwa aus Mitteln der Firma, sondern aus einem dort vorhandenen Guthaben Beckers.

Nur ein Armengeld

Um diese 28 000 Mark geht es nun. Carl Becker, der Ende September 1962, damals im 70. Lebensjahr stehend, mit schwer angeschlagener Gesundheit, aus der Haft entlassen worden ist, findet sich damit ab, daß sein gesamter Besitz in China für ihn endgültig verloren ist: ein Vermögen, dessen Wert erheblich höher gewesen sein dürfte als der ihm auf das "Lösegeld" angerechnete Liquidatibnsbetrag von 287 500 Mark. Er lebt heute zusammen mit seiner Frau, die schon einige Jahre früher nach Deutschland zurückgekehrt ist, von einer Sozialhilfe (das ist also das, was früher einmal "Armenunterstützung" hieß) in Höhe von 339 Mark monatlich, wovon 114 Mark für die Miete und 225 Mark für den laufenden Lebensunterhalt bestimmt sind.

Man wird verstehen, daß Becker sich mit Hilfe seines Anwalts überall bemüht hat, die (praktisch von ihm selber verauslagten) 28 000 Mark "Lösegeld" zurückzuerhalten. Da die – mittlerweile in deutsche Hände übergegangene – Firma Holdo Stromwall jetzt, nach dem Tode ihres Inhabers, liquidiert wird und nennenswerte Aktiva nicht mehr vorhanden sind, besteht keine Chance für Becker, sein restliches Provisionsguthaben bei dieser Firma (in Höhe von etwa 15 000 bis 20 000 Mark) ausgezahlt zu erhalten – und erst recht keine Möglichkeit zur Rückerstattung des aus diesem seinen Konto seinerzeit als "Lösegeld" entnommenen Betrages.

Das Auswärtige Amt ist mehrfach auf die Angelegenheit angesprochen worden. Es hat zwar "für das Schicksal des Herrn Becker starkes menschliches Mitgefühl gezeigt", aber erklärt, daß es aus "haushaltlichen Gründen" nicht in der Lage sei, über die bereits aufgewandte Summe hinaus – das ist also der von der Zentralen Rechtschutzstelle und vom Generalkonsulat Hongkong übernommene "Spitzenbetrag" des "Lösegeldes" – noch irgendwelche Mittel beizusteuern. Ebenso blieben alle Bemühungen beim Petitionsausschuß des Bundestages, bei den Bundestagsfraktionen und beim Bundeskanzleramt vergeblich, obwohl nun immerhin ("amtlich") anerkannt worden ist, daß Carl Becker ("mit Billigung der rotchinesischen Behörden") konsularische Hilfsdienste geleistet habe.