Vom Reisen – Seite 1

Bemerket nun mit Heiterkeit wie sich alle Jugend sogleich in Bewegung setzt. Da ihr der Unterricht weder im Hause noch an der Tür geboten wird, eilt sie alsobald nach Ländern und Städten, wohin sie der Ruf des Wissens und der Weisheit verlockt; nach empfangener schneller mäßiger Bildung fühlt sie sich sogleich getrieben weiter in der Welt umherzuschauen, ob sie da oder dort irgend eine nutzbare Erfahrung, zu ihren Zwecken behülflich, auffinden und erhaschen könne. Mögen sie denn ihr Glück versuchen! Goethe: Wilhelm Meister

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Wenn geschäftslose Leute ihre mütterliche Heymath verlassen, und mit Grund oder Gründen auf Reisen gehen: so kann man solche aus einer von diesen allgemeinen Ursachen herleiten...

Gebrechlichkeit des Körpers,

Schwachheit des Geistes, oder

Unumgänglicher Nothwendigkeit.

Sterne

Vom Reisen – Seite 2

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Von allen Vergnügen ist die Reise das traurigste. Die Reise lehrt uns, die Dinge rasch und flüchtig einzuschätzen, und die sich damit zufrieden geben, sind Dilettanten; die Seele sträubt sich dagegen. Daher geht man heute soviel auf Reisen. Man sagt, es zerstreue. Es zerstreut das Wichtige, in der Tat... Man glaubt zu gewinnen, weil man an Breite gewinnt, und man verliert es an Tiefe. Man kehrt zurück, aufgeblasen von einem elenden Halbwissen, das schlimmer ist als Unwissenheit, da es Nichtvorhandenes vortäuscht. Übrigens: die Mittelmäßigen lieben die Reise. Gibt es auf der Welt ein einziges junges Mädchen, das nicht bereit wäre auszurufen: "Ich liebe die Reise." Henry de Montherlant

Bis zu welchem Grade mag wohl die geographische Lage der Länder auf das Vergnügen Einfluß haben, das wir daran finden –, uns, je nach unserer geistigen Verfassung, das weit Entfernte schöner vorzuspiegeln oder, im Gegenteil, das Nähere... Soll ich etwa, weil sie leichter zu erreichen sind, die lächelnden Ufer des Lago Maggiore, weniger lieben, wo überreiches Wasser der Erde nur widerwillig zu weichen scheint? André Gide