Frankfurt am Main wäre beinahe provisorische Bundeshauptstadt geworden, Leipzig Regierungssitz der mitteldeutschen Teilstaatlichkeit. Aber Bonn machte das Rennen 1949 und Berlin-Mitte, der Ostsektor der Viermächtestadt, war damals den Sowjets und Kommunisten eine Messe wert; sie verzichteten, mit dem Verwaltungsapparat nach der Aufhebung der Blockade in Walter Ulbrichts Heimatstadt überzusiedeln. So teilt Leipzig das Nachkriegsschicksal Frankfurts am Main: Es kam zuerst zu kurz, und dann wurde es doch größer, bedeutender und wichtiger als die "siegreiche" Regierungszentrale. Der Kommerz hat beide Städte geprägt – seit Hunderten von Jahren; der Kommerz, die Messen, die Kongresse blieben ihnen treu. Leipzig ist heute ansehnlicher als Ostberlin, trotz der Bauten rings um die Straße Unter den Linden und die Karl-Marx-Allee.

Nach Leipzig reist es sich leicht und schwierig zugleich. Zur Messe können die Deutschen kommen, außerhalb dieser Veranstaltungen gibt es nur Kongresse oder die Landwirtschaftsschau in Markkleeberg, oder Verwandte in Leipzig, die man besuchen darf. Ausländer freilich haben es leichter. Über das "Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft" im Kastanienwäldchen Ostberlins (Am Kupfergraben) können sie, ausgestattet mit Papieren, nach Leipzig gelangen. Die "Leipziger Neuesten Nachrichten", jene große deutsche überregionale Tageszeitung, können sie in der Stadt an der Pleiße nicht mehr lesen; sie erscheint, reduziert auf Vertriebenenformat, in Frankfurt am Main als Halbmonatszeitung, prall gefüllt mit Leipziger Nachrichten.

Da Leipzig vor zwanzig Jahren von der 1. US-Armee erobert wurde (der Oberbürgermeister verübte Selbstmord, was Hitler ihm damals, am 19. April 1945, übelnahm, obwohl er gleich darauf dasselbe tat), ist das Verhältnis der Leipziger sowohl zu den Russen als auch den Amerikanern immer etwas gespannt geblieben: Die Russen wurden nicht für voll genommen, weil sie die Stadt von den Amerikanern übernahmen, und die Amerikaner verärgerten die Leipziger, weil sie – mit einigen Verlegern und Verlagen auf Lkw – ihrer Stadt den Rücken kehrten. So hat sich Leipzig auch in den schlimmsten Stalinzeiten etwas von jener Unabhängigkeit bewahrt, die aus den Ereignissen von 1945 resultiert. Die kommunistischen Herren hatten es deshalb nicht leicht mit den Leipzigern; zuletzt war es die Universität, die nach Karl Marx heute benannt ist, von der sich Opposition bemerkbar machte: Gadamer, Ernst Bloch, Hans Mayer und andere.

Außerdem war Leipzig immer auf sein Selbstbewußtsein angewiesen: gegenüber den Messebesuchern, den Wettinern, die in Dresden herrschten und nach Leipzig nur kamen, um dort an der Weitläufigkeit der Messezeiten teilzunehmen. Man amüsierte sich gut. Einmal veranstalten die preußische Königin für August den Starken von Sachsen-Polen ein Mätressentreffen auf der Leipziger Messe: Sie lud ohne Wissen Augusts dessen zufällig oder absichtsvoll herbeigeeilten früheren Mätressen zum Abendessen mit ihrem früheren Liebhaber ein. August der Starke zog sich galant aus der Affäre: Er bevorzugt: die Prinzessin Henriette von Anhalt-Dessau, übersah seine früheren Mätressen und ärgerte auch noch die Königin aus Berlin, indem er deren Tochter links liegen ließ, die ihm von der Königin sehr ans Herz gelegt wurde. Aber das sind alte Geschichten wie Goethes Liebesabenteuer mit Käthchen Schönkopf, Tochter eines Weinhändlers, die ihm sein Frankfurter Gretchen ersetzen mußte (auch wieder Frankfurt am Main), aber Goethe quälte sie so sehr mit eifersüchtigen Anwandlungen, daß Käthchen den Studenten satt bekam. "Die Laune des Verliebten" entsproß diesem Verhältnis.

Die Leipzigerinnen, stets gerühmt wegen ihres Aussehens, sind auch heute schön, obwohl sie oft lieber nicht den Mund auftun sollten, denn das Leipzigerische ist manchmal recht quälend. Man kann auch heute in der Messestadt zu einigen Abenteuern kommen, obwohl das Regime ziemlich prüde ist und aufpaßt, daß die Leute nicht über die Stränge schlagen.

Und dann ist da das Völkerschlachtdenkmal. Allein wegen der einzigartigen Akustik sollte man nicht versäumen, dieses Bauwerk zu besuchen, das sein Überdauern nach 1945 dem russischen Anteil an der Völkerschlacht von 1813 verdankt. Hütten die Schlacht nur die deutschen Militaristen gewonnen, wäre das gigantische Bauwerk längst dem Erdboden gleichgemacht.

Man wird auch, bei einem zweitägigen Besuch, in die Thomaskirche eintreten, für deren Gottesdienst Johann Sebastian Bach Hunderte seiner herrlichen Kantaten komponierte. 1895 wurde sein Grab in der Thomaskirche wiederentdeckt. Der Hauptbahnhof ist noch immer der größte Europas; er ist ein herrlicher Kopfbahnhof, der die Weite spüren läßt, von der die Leipziger so gern schwärmen. Er unterscheidet sich von dem Frankfurter Hauptbahnhof durch zweierlei: Einmal können die jetzigen Einwohner die Weite hier nur spüren und nicht, mit der Fahrkarte Leipzig–Paris in der Hand, realisieren. Zum anderen fehlt die Unterwelt, die dem Frankfurter Hauptbahnhofsviertel den Chikago-Charakter beigegeben hat.