Paul Röhrig: Politische Bildung, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 280 Seiten, 19,80 DM.

Dies quellenmäßig reich belegte, Zitate vorbildlich verwendende, sorgfältig gearbeitete Buch des Dozenten an der Bonner Pädagogischen Hochschule klärt die in der deutschen Erziehungsgeschichte wirksam gewordenen Grundpositionen. Die Untersuchung führt weiter zu einer neuen Besinnung auf die unvergänglichen Werte der Aufklärung, findet – mit Recht – "Liebe" und "Gerechtigkeit" nicht geeignet als zeitgemäße Leitgedanken politischen Verhaltens und stellt "Sachlichkeit" und "Mitmenschlichkeit" als solche auf.

Röhrigs Überblick macht die Unvereinbarkeiten der in Deutschland überlieferten politischen Bildungselemente bestürzend deutlich. Sein Versuch, neue Perspektiven zu finden, ist willkommen, "Einsicht statt Gesinnung und Emotionalität unbestreitbar zu bejahen. Aber auch Röhrig scheitert an dem Machtproblem. Statt zwischen blutigen Großmachts- und Klassenauseinandersetzungen einerseits, zivilem, legitimem Wirtschafts- und innenpolitischem Ringen andererseits systematisch zu unterscheiden, gehen ihm jene bruchlos aus diesem hervor. Die Greuel von Krieg und Bürgerkrieg stecken ihm zu sehr in den Knochen. "Das Wesen des Politischen ist nicht Kampf, sondern nur, wo Politik ihr Wesen verfehlt, herrscht er."

Eine schlimmere Verkennung eines Wesenselementes der Marktwirtschaft und der Demokratie ist kaum denkbar. Röhrig entmutigt den künftigen einfachen Bürger, sich seiner Rechte und seiner Macht bewußt zu werden und sie anzuwenden. Im Grunde verneint er den Wahlkampf, den Parteien- und Verbändestaat. Er findet insoweit eigentlich den vordemokratischen, den Bürgerstreit verhindernden, wohlwollenden Obrigkeitsstaat ideal und schwächt dadurch den Widerstand gegen Machthuber und Diktatoren. Gewiß, er fordert zum "Gespräch" auf, aber nicht zum Beschluß, zur Entscheidung, zur Tat. Wolfgang Schwarz