Von Josef Ilmberger

Als der Baumgartner Pepperl – Gott hab’ ihn selig –, der gescheite Bauernbub aus Sulzemoos bei Dachau, zehnjährig schon von den Eltern für Tonsur und Soutane bestimmt, handscheu geworden nach dem Abitur, später Professor in Weihenstephan, auch zugkräftigster und bekanntester Boß der Bayernpartei – als dieser Josef Baumgartner die höchste Sprosse seiner steilen Würdenleiter erklommen hatte und in München Landwirtschaftsminister geworden war, sagte seine alte Mutter besorgt: "Ja mei, Bua, das is alles recht und schön – aber wennst ein Pfarrer geworden wärst, nachher wärst halt was Gescheits!"

So ist das bei uns in Bayern, auf dem Land und bei den alten Weiblein, und diese alten Frauen, ausgemergelte, vergrämte, verhutzelte Arbeitstiere mit Gichthänden und krummen Wühlrücken, von denen eines oft mehr Kinder geboren hat als ein Dutzend Ministersfrauen zusammen – das Kreuz auf dem Wahlzettel dieser alten Weiblein und die summierenden Nonnenziffern dazu, sie sind die Gewähr dafür, daß die "Chrischtlingen" in Bayern die Mehrheit im Landtag haben.

Ihre politische Überzeugung erhalten diese frommen Dulderinnen nicht in Versammlungen, nicht durch Rundfunk oder durch die Presse, erst recht nicht durch häusliche Belehrung oder strenge männliche Befehle – es genügt der Blick zur Kanzel am Wahlsonntag, das ausnahmsweise geschärfte Ohr, das von dort oben den gerichtsnotorisch erlaubten Hinweis vernimmt: "Ich wähle Liste eins – gehet hin und tuet das Eure!"

Mit der gewissenhaften Erfüllung dieser staatsbürgerlichen Pflicht, mit dem sonntäglichen Kirchgang und mit der befreienden Osterbeichte ist alles getan, was den Himmel für diese Menschen offenhält. Der sicherste Weg dorthin führt über das gnädige Amen des herrschenden Dorfpfirrers, seine Gunst darf nicht verscherzt werden.

Freilich steckt in manchem alten Fleisch der Stachel über den ungeweiht gebliebenen Sohn. Er hatte lange Jahre den Schein der Erfüllung aufrecht erhalten, hatte in bereits verlängerten schwarzen Schößen um Altar und Pfarrhof zu schwänzeln verstanden, zuletzt aber doch ein Haar in der geistlichen Suppe gefunden, ohne jedoch äußerlich dem Credo untreu zu werden. Dabei hatte er allmählich den Dreh begriffen, wie man sich aus dem geistlichen Amt hinaus- und in eine Position des Staates oder der Partei hineinspülen läßt, hatte dadurch auch reichlich Gelegenheit gefunden, den vollen Dank für die überlang in Anspruch genommene Gastfreundschaft in kirchlichen Anstalten abzustatten. Minister solcher Herkunft haben offene Hände für die arme Kirche.

Eigentlich könnte man schon bald verzweifeln an der Allmacht Gottes, der auch sonst auf einmal Dinge zuläßt, die nur von der Hölle ausgebrütet sein können. Die Kirchenzeitung sogar schreibt, man solle endlich seinen Kinderglauben, seinen kindischen Glauben aufgeben: Der Himmel sei kein Himmel mit einem gütigen, bartwallenden Gottvater, dem zu Ehren die Seligen Tag und Nacht Hosianna und Alleluja sängen; in der Hölle werde nicht mehr gebraten und gesotten, gestochen und gezwickt, und es sei nicht ausgeschlossen, daß der Mensch doch in einer Seitenlinie irgendwie mit den Affen verwandt ist.