Das vierte Opfer

Frauenleiche nackt in den Trümmern

Am Mittwochmittag erreichte die Hamburger Kriminalpolizei ein neuer Alarmruf: ein Mann, der in den Trümmerfeldern von Hamm nach brauchbaren Ofenteilen suchte, – fand im Keller einer Fabrikruine an der Ankelmannstraße die nackte Leiche einer etwa fünfunddreißigjährigen Frau. Diese Frau ist offenbar das vierte Opfer jenes bestialischen Mörders, dem auch die übrigen in den letzten drei Wochen entdeckten Mordtaten zugeschrieben werden. Doch niemand hat sich inzwischen zu den Opfern bekannt.

Der vierte Mord zeigt dieselben Merkmale wie die drei vorangegangenen: Auch die in der Ankelmannstraße gefundene Frauenleiche war ausgeraubt und völlig nackt. Auch sie ist erdrosselt worden. Auch sie wurde vor ihrem Tode gefesselt. Die Frau ist etwa fünfundddreißig bis vierzig Jahre alt und 1,55 m groß. Sie hat mittelblondes, halblanges Haar und trägt im Oberkiefer eine Zahnprothese. Im Unterkiefer sind zwei Backenzähne goldüberkront.

In allen Fällen handelt es sich um Menschen in gepflegtem Körperzustand, die offenbar gut bekleidet waren. Darum muß auch jedes Angebot von Wäsche, Kleidern, Pelzmänteln und Schuhen sorgfältig geprüft werden, und zwar nicht nur in Hamburg, sondern auch bei Tauschgeschäften auf dem Lande.

Da die Vermutung nicht von der Hand zu weisen ist, daß es sich bei den Ermordeten um Durchreisende handelt, warnt die Polizei dringend davor, sich etwa von den Wartesälen aus in unbekannte Quartiere verschleppen zu lassen, überhaupt sich unbekannten Menschen anzuschließen, Autos anzuhalten oder sich von unbekannten Autofahrern mitnehmen zu lassen. Die Polizei arbeitet fieberhaft an der Aufklärung der Mordserie. Die Belohnung, die für brauchbare Hinweise aus der Bevölkerung ausgesetzt ist, wurde inzwischen auf 10 000 Mark erhöht.

Das war die letzte Information. Allen weiteren Fragen ging der Leiter der Mordkommission aus dem Wege. Nur einer war bereit zu reden, wenn auch nicht viel: Oberkommissar Ingwersen. Er sagte: "Überall ‚filzen‘ Kriminalbeamte Schwarzhändler, durchsuchen Tauschläden und An- und Verkaufsgeschäfte und beschatten auf den Bahnhöfen Durchreisende. Jedes Angebot von Wäsche, Kleidern, Pelzmänteln und Schuhen wird von unseren Leuten sorgfältig geprüft; allerdings wissen wir ja nicht einmal genau, womit die Opfer bekleidet waren. Ist das kleine Mädchen vielleicht die Tochter einer der beiden ermordeten Frauen gewesen und der alte Mann ihr Großvater oder der Vater der beiden Frauen oder einer von ihnen...?"